Wer bekommt die Goldmedaille?
Gottesdienst am 24.09.2000

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Gewinn einer Medaillees ist Halbzeit bei den olympischen Spielen in Sydney. Ehrlich gesagt, ich bin ein Fan von olympischen Spielen. Am liebsten würde ich in den 2 Wochen an einen einsamen Ort mit Fernseher fahren und dann die Berichterstattung ungestört und fortlaufend aufsaugen. Und natürlich bin ich auch begeistert, wenn Leute gewinnen, Weltrekorde aufstellen, am Boden vollendet turnen - all das können, was ich auch schon immer können wollte. Ja, ein bisschen siege ich mit ihnen mit und stehe dann auch mit ihnen auf dem Treppchen. Aber in diesen Tagen haben wir auch andere Nachrichten von der Olympiade bekommen. Frustrierte Sportler, die sich ihrer Medaille schon sicher waren und sie doch nicht bekamen, reisten frühzeitig ab, Trainer dankten ab, Lebensträume zerplatzten wie eine Seifenblase während weniger 1/100 s. So ist Olympia ein ganz gutes Bild für unser Leben. Leistung braucht Lohn. Der Beste sein, eröffnet das Tor zur Zukunft. Bleibt der Lohn aus, kann man gleich einpacken.

Um Leistung und Lohn ging es auch in einer Begebenheit, die uns von Jesus erzählt ist. Jesus ist mit seinen Nachfolgern unterwegs nach Jerusalem. Sie waren schon fast an ihrem Ziel angelangt. Jesus wusste, was ihn in Jerusalem erwarten würde, und langsam bereitete er seine Jünger darauf vor. Dreimal schon hatte er ihnen davon erzählt, dass er in Jerusalem wie der angekündigte Gottesknecht leiden und sterben musste. Doch bei den Jüngern kam das nicht an. Es passte wohl nicht zu ihren Vorstellungen von Herrschaft und Macht, sie vergaßen es gleich wieder. So fragten sie ebenfalls dreimal: Wer ist in der neuen Welt der Größte? Jesus stellte ein Kind in die Mitte und sagte: Werdet wie ein Kind, dann könnt ihr in Gottes neue Welt kommen. Beim zweiten Mal verglich Jesus die neue Welt mit Arbeitern in einem Weinberg, die dort unterschiedlich lange arbeiteten. Aber am Ende bekamen sie alle den gleichen Lohn. Wie seine Antwort beim dritten Mal aussah, lesen wir in 

Matthäus 20,20-28

Damals ging die Mutter der beiden Söhne von Zebedäus zusammen mit ihren Söhnen zu Jesus hin und warf sich vor ihm nieder, weil sie ihn um etwas bitten wollte. "Was möchtest du denn?" fragte Jesus. Sie sagte: "Ordne doch an, dass meine beiden Söhne rechts und links neben dir sitzen, wenn du deine Herrschaft angetreten hast!" Jesus sagte zu den beiden Söhnen: "Ihr wisst nicht, was ihr da verlangt. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?" "Das können wir!" antworteten sie. Jesus erwiderte: "Ihr werdet tatsächlich den gleichen Kelch trinken wie ich, aber ich kann nicht darüber verfügen, wer rechts und links neben mir sitzen wird. Auf diesen Plätzen werden die sitzen, die mein Vater dafür bestimmt hat." Die anderen zehn Jünger hatten das Gespräch mit angehört und ärgerten sich über die beiden Brüder. Darum rief Jesus alle zwölf zu sich her und sagte: "Ihr wisst: Die Herrscher der Völker, die Großen in der Welt, unterdrücken ihre Leute und lassen sie ihre Macht spüren. Bei euch muss es anders sein! Wer von euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen. Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben."

Die Mutter tritt für ihre Söhne vor. Es deutet darauf hin, dass sie auch Nachfolgerin Jesu war. Gut verständlich ist ihr Verhalten. Wir wollen doch auch für unsere Kinder nur das Beste. Wer hier verzichtet, wird wohl dann in Ewigkeit herrschen können. Das ist doch ein gerechter Ausgleich und ein ganz menschlicher Wunsch, dass auf Leistung Lohn - die Goldmedaille - folgt. Dieser Lohn ist Antriebsfeder zu noch mehr Leistung, noch konsequenterem Verzicht. Die Gedanken liegen nicht fern. Ich setze mich so ein für die Sache Jesu, kümmere mich um Leute, halte Gruppenstunden, trage mein Geld in die Kirche, da wird es mir Gott vergelten - im Himmel wird es mir gut gehen. Oder: Ich war immer ein anständiger Kerl, das muss doch für einen vorderen Platz im Himmel reichen. Vielleicht wagen wir gar nicht, diese Gedanken laut auszusprechen. Vielleicht verbieten wir uns schon den Ansatz eines Gedankens. Doch wenn die Jünger damals diese Fragen stellten, warum nicht auch wir? Verboten scheint es nicht zu sein, nach dem Platz im Himmel zu fragen.

Merkwürdig ist allerdings die Antwort Jesu. Statt über die Rangordnung im Himmel spricht er über das Leben hier und jetzt. "Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?" Das heißt, seid ihr bereit wie ich zu leiden und zu sterben für andere? Seid ihr bereit, selbst euer Leben 100% hinzugeben für meine Sache? Ja, das sind sehr persönliche Fragen. Nehmen wir den Mitarbeiter, der seine Zeit in der Gemeinde einbringt, in der Firma einen verantwortungsvollen Platz einnimmt und zu Hause sein Bestes gibt. Reicht das denn nicht für einen Platz ganz vorne bei Gott? Doch Jesus fragt auch ihn: Bist du denn bereit, wirklich alles für mich einzusetzen, auch wenn dir dabei das nackte Leben noch weggerissen wird? Ich würde meine Hand nicht so vollmundig wie die Jünger ins Feuer legen. Kann ich das denn wirklich einfach so? Wenn ich wählen könnte, würde ich den Kelch lieber an mir vorbei gehen lassen. Dietrich Bonhoeffer hat es im Gefängnis kurz vor seiner Hinrichtung so formuliert: "Und reichst du (Gott) mir den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand." Dietrich Bonhoeffer hat den Kelch angenommen, er hat sein Leben hingegeben, leicht war es nicht, wie wir seinen Tagebucheinträgen entnehmen können. Der Wunsch nach einem Platz im Himmel hatte ihn nicht fähig gemacht dazu, sondern die Liebe Gottes, die ihn in der schwersten Zeit getragen hatte.

Jesus weist die Jünger und damit auch uns auf unsere Lebensaufgabe hin. SchwimmwettkampfUns 100% in die Liebe Gottes zu bergen, 100% auf Christus zu vertrauen und 100% dem Heiligen Geist Platz in unserem Ich einzuräumen, das ist unsere Lebensaufgabe. Wenn wir die bestehen, kann uns nichts mehr von Gott trennen, auch der Tod nicht. Wie es dann im Himmel aussehen wird und wie Rangordnungen da zustande kommen, führt Jesus im Gespräch mit den Jüngern noch aus. Strenggenommen wird es da gar keine Hierarchie geben. Christus ist für alle da und die Erlösten werden für ihn und füreinander da sein. Die Gemeinde ist der Vorgeschmack auf das Leben im Himmel.

Die 10 anderen Jünger waren verständlicherweise sauer. Was maßten sich die beiden bloß an, jetzt schon Plätze für die Ewigkeit zu reservieren. Und wo blieben sie dann? Waren sie weniger gut? Hatten sie nicht auch alles verlassen, um Jesus nachzufolgen? Auch die 10 kann man verstehen. Wer liebt schon Vordrängler, Besserwisser und Schleimer, die durch Vitamin B oder Doping ans Ziel kommen wollen. Aber Jesus geht gar nicht auf ihren Neid und ihren Ärger ein. Er entwirft eine Gegenwelt zu dem, was Mann und Frau so alltäglich erleben.

Jesus sagt, die Gemeinde ist der Anbruch der himmlischen Welt hier und jetzt. Gemeinde entsteht, weil Jesus eine Beziehung zu jedem einzelnen hat. In der Gemeinde gibt es keine besseren und schlechteren Plätze, kein oben und unten. In der Gemeinde leben alle von Gottes Liebe, niemand muss sich vordrängeln und Vitamin B und Doping sind auch völlig unnötig.

Die Gemeinde Jesu ist eine Gegenwelt. Jesus hat sich 100% hingegeben für uns, um uns den Weg zu Gott zu zeigen. Jesus hat uns gedient, den bitteren Kelch gelehrt, sein Leben gelassen. Das ist unser Ausgangspunkt. Das große Geschenk steht am Anfang. Er gibt jedem und jeder einzelnen von uns Kraft, den Alltag zu bewältigen, Kraft, in Liebe den Mitmenschen zu begegnen, er gibt Liebe zur Gemeinde und gibt Gaben, mit denen wir uns in der Gemeinde einbringen. Diese Ursprungsbeziehung zu Jesus Christus ist so wichtig und bestimmt alles andere. So entsteht ein Netzwerk der gegenseitigen Liebe, Achtung und Wertschätzung, die Liebe verbindet. Es gibt keine Frustration, keine Erschöpfung, kein Einzelkämpfertum und keine Überforderung.

Doch das Ideal scheint doch nicht mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. 
So findet doch in einer Gemeinde nicht jeder und jede seinen und ihren Platz. Statt kreativ den Gaben entsprechend Platz und Aufgaben zu schaffen, halten wir an unseren starren Traditionen fest und beschränken die Tätigkeitsfelder.
Einige machen viel und fühlen sich bald überfordert. Sie springen in die Lücken, die niemand sonst füllen kann und will und fragen sich, wo denn die andern sind.
Einige haben ganz begeistert mitgearbeitet, doch es ging ihnen die Puste aus, als sie keine Unterstützung erfuhren. Nun leben sie mehr am Rande und beobachten die anderen. Ihre Gaben liegen brach und ihr Platz in der Gemeinde ist leer.
Andere wieder leiden darunter, dass ihre Nabelschnur zu Jesus Christus porös geworden ist und sie nicht mehr mit Gottes Liebe und Kraft versorgt. Sie fühlen sich selbst schwach, ausgelaugt und hoffnungslos. Wie sollen sie da noch etwas für die Gemeinde tun können? Der Kreislauf ist schon ganz am Anfang unterbrochen.

Heute haben wir wieder neu die Chance, Gottes Willen für uns zu hören und seine Perspektiven für die Gemeinde zu entdecken. Alles hängt an unserer Beziehung zu Jesus Christus. Er möchte uns schenken, was wir für unseren Alltag brauchen, selbst wenn der bittere Kelch des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand uns auf Leben und Tod herausfordert. Er erwartet nichts anderes als unser Vertrauen und offene Ohren und Herzen, um ihn wahrzunehmen. Vielfältig sind die Möglichkeiten dazu. Ein Bibelwort kann uns den Tag über begleiten - auf einem Zettel am Kühlschrank oder auf dem Schreibtisch. Eine kleine Gebetsgruppe kann sich morgens vor der Arbeit treffen, eine Gebetsgemeinschaft am Frühstückstisch kann den Tag eröffnen - auch mit den Kindern, die in das Vertrauen zu Jesus Christus so natürlich hineinwachsen können. Ein Austausch in der Kaffeepause mit einem Christ, der im gleichen Geschäft arbeitet, eine Gesprächsrunde am Abend in der Gemeinde, ein Lied im Ohr während des Fitnesstrainings sind Elemente, die die Ohren und Herzen wachhalten. Es ist kein Luxus, das Vertrauen zu Jesus Christus zu üben, es ist lebensnotwendig, weil es nicht von selbst wächst und nur zu leicht von Misstrauen, Verzweiflung und Routine zugeschüttet werden kann.

Aus der starken Beziehung zu Jesus Christus wächst Dankbarkeit. Dankbarkeit will gelernt sein. Ich bin immer wieder erstaunt, wie lange es dauert, bis Kinder von selbst bei der Wurstscheibe vom Metzger danke sagen. Es dauert Jahre bis die Erziehung dazu fruchtet. Ich schätze, ähnlich ist das auch bei der Dankbarkeit Jesus gegenüber. Manchmal bräuchten wir da vielleicht eine Mutter oder einen Vater neben uns, der uns heimlich einen Stoß gibt und murmelt, danke sagen. Vielleicht haben die Jünger es deshalb auch nicht begriffen, dass ihr Lebensweg nicht belohnt zu werden brauchte, sondern Ausdruck ihrer Dankbarkeit war. Ich stelle mir vor, wir würden jetzt alle einen Satz formulieren, in dem wir Jesus danken und ihm dann aufschreiben, was wir aus Dankbarkeit tun wollen. Vielleicht würde das dann so lauten:
Jesus, ich danke dir, dass du mich letzte Woche aus meinem Tief geholt hast. Ich möchte meinen Dank zum Ausdruck bringen, indem ich Herrn A einladen will, der mir neulich von seinem Tief erzählt hat. 
Herr, ich danke dir, dass ich so einen schönen Samstag erlebt habe und dabei erfahren habe, wie sehr du mich liebst. Als Ausdruck meines Dankes möchte ich mit neuer Freude in meiner Gruppe sein und andere dazu einladen.
Ihr persönlicher Dank: .....

Eine so konkrete Dankbarkeit hat Auswirkungen und wird das Klima der Gemeinde verändern.
Doch bleiben wir dabei, dass alle immer dienen müssen, dann kommt es trotz Dankbarkeit, trotz Liebe zu Jesus Christus bald zu Erschöpfungszuständen. Das Netzwerk der Gemeinde besagt ja gerade, dass nicht alle pausenlos dienen müssen, sondern sich auch dienen lassen können. Jesus hat sich vielfältig dienen lassen. Er ist bei Maria und Martha eingekehrt, er hat sich einen Esel bringen lassen, um in Jerusalem einzukehren, er hat die Jünger nach Sychar geschickt, um Brot zu holen. Dienen und sich dienen lassen, so soll es unter uns auch zugehen. Vielleicht haben wir diese Kultur zu wenig unter uns entwickelt. Es muss für uns selbstverständlich sein, auch die Hilfe anderer anzunehmen, uns eine Auszeit zuzugestehen, das Netzwerk Gemeinde auch auf seine Tragfähigkeit hin auszuprobieren. Und welche Freude macht es dem andern, wenn er Ihnen mal was Gutes tun kann und Sie sich richtig darüber freuen. Wenn er Ihnen einen Tipp für Ihr Problem geben kann, wenn er Sie nach Hause fahren kann, wenn er Ihnen etwas Leckeres kochen kann, das Sie auf neue Gedanken bringt. So sind wir jetzt ja auch auf den Dienst der Sonntagsschul-Mitarbeiter angewiesen, die parallel zu diesem Gottesdienst für die Kinder Gottesdienst gestalten. Wir brauchen sie so nötig.

Aus der gegenseitigen Unterstützung wächst die Dankbarkeit auch untereinander. Nach dem Gottesdienst geht vielleicht der eine oder die andere auf eine Sonntagsschul-Mitarbeiterin zu und bedankt sich bei ihr. Sie wird überrascht sein und sich sicher sehr darüber freuen. Vermutlich geht sie nächste Woche mit mehr Motivation in die Sonntagsschule. Und das ist nur ein Beispiel für Dankbarkeit, die zu einer Kultur unter uns werden kann, weil Jesus Christus uns das lehrt.

Freude über die MedaillenGemeinde ist eine Gegenwelt, zumindest ist sie auf dem Weg dahin. Wir spielen hier nicht Olympiade, es gibt keine Siegertreppchen. Es gibt nur einen Siegespreis, das Leben mit Gott in Ewigkeit. Um ihn zu bekommen, können wir nach und nach lernen, Jesus Christus zu vertrauen und uns ihm hinzugeben. Die Hingabe wird im konkreten Alltag deutlich. Wenn wir bereit werden, einander zu dienen mit Gottes Gaben, wenn wir unseren Stolz überwinden und die Hilfe anderer annehmen, wenn wir uns die Dankbarkeit Gott gegenüber bewahren, die uns motiviert, für andere da zu sein.

Wir feiern jetzt Abendmahl. Wir können uns von Jesus neu beschenken lassen. Er will uns erfüllen und uns alles schenken, was wir für ein Leben hier und heute brauchen. Und wir feiern das Abendmahl als Gemeinschaftsmahl. Wir sind als Jünger Jesu zu einer Gemeinschaft zusammengerufen.

Cornelia Trick


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