Wartezeit
Gottesdienst am 24.08.2008

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
letzte Woche fiel mir frühmorgens auf der Hauptstraße in Neuenhain jemand in Arbeitskleidung auf, der mit Werkzeugkasten in der Hand geduldig am Straßenrand wartete. Nachdem ich beim Bäcker und beim Bankautomaten war, stand er immer noch am selben Platz. Wir kamen ins Gespräch, und er meinte, er sei ganz sicher, dass er abgeholt würde, es könne sich nur noch um einen kurzen Augenblick handeln. Ich habe diesen Mann insgeheim bewundert. Nach zehn Minuten an der Straße wäre ich längst unruhig geworden, hätte mein Handy gezückt, mich gefragt, ob ich mich in Zeit oder Ort vertan habe, und mich geärgert, dass ich diese zehn Minuten und mehr sinnlos auf der Straße verbrachte.

Später kam mir das Bild vom frühen Morgen als Vergleich für mein Leben mit Jesus in Erinnerung. Jesus hat versprochen, dass er wiederkommt. Er wird die zu sich holen, die zu ihm gehören und an ihn glauben. Er hat immer betont, dass es wichtig ist, für diesen Moment bereit zu sein, wach zu bleiben, bis er kommt. Jesus meinte damit auch, sich auf diesen Augenblick genügend vorzubereiten, versöhnt mit der Umgebung zu leben, offene Rechnungen mit Gott und der Welt beglichen zu haben und die Tasche für die große Reise gepackt zu haben. 

In den ersten Jahrzehnten nach Jesu Auferstehung lebten die Christen in einer sehr lebendigen Erwartung des wiederkommenden Herrn. Sie beteten "Maranatha – Herr, komme bald!" und meinten es so. Manche heirateten nicht, weil sie fanden, dass eine Familie zu gründen sie vom Warten auf den Herrn abhalten könnte. Sie dachten nicht an berufliches Weiterkommen, sondern widmeten ihre Zeit der Gemeinde.

Jesus ist immer noch nicht wiedergekommen. Obwohl seine Anweisungen nach wie vor gelten, haben wir doch nach und nach den Warteplatz an der Hauptstraße unserer Welt verlassen und widmen uns verstärkt den Alltagsgeschäften. So ist es ein wichtiges Korrektiv, den ältesten uns erhaltenen Brief des Apostel Paulus an die Thessalonicher zu lesen und uns neu dazu motivieren zu lassen, Jesu Aufforderung zum Warten auf ihn ernst zu nehmen und in unserem Alltag umzusetzen. 

Direkt vor unserem Brief-Abschnitt rief Paulus die Gemeinde dazu auf, die Arbeitskleidung Jesu anzuziehen. Er schrieb von einem Brust-Panzer, der aus Glaube und Liebe bestehen sollte, und einem Helm, der die Hoffnung zum Thema hatte. Der Brustpanzer bedeutete Kampfansage an das Böse, das Gegenteil von Vertrauen und Liebe. Wer zu Jesus gehörte, konnte dem Bösen dieser Welt offensiv begegnen. Vertrauen zu Jesus und Liebe zu ihm und den Mitmenschen war die Haltung, die wartende Christen am Straßenrand ausstrahlen sollten. Der Helm auf dem Kopf gab die Sicht zum Himmel und nach vorn frei. Christen sollten sich nicht ständig umdrehen nach der Vergangenheit oder nach rechts und links schauen, was die anderen so machten. Sie sollten ihren Blick auf Jesus richten und mit seiner Hilfe rechnen, die sie weiterführte. 

Welche "Arbeitskleidung" gibt Jesus uns heute in die Hand? Womit ziehen wir uns an, wenn wir uns auf Jesus einstellen und uns für ihn bereit machen? Glauben zu leben lässt uns die Zukunft ohne Angst vor morgen erwarten. Die Sorgen mögen kommen, wie dies und das eintreffen könnte, aber sie sind bei Jesus sicher aufbewahrt. Wir können sie glaubend und vertrauend in seine Hände legen. Die Liebe wird uns befähigen, unsere Mitmenschen immer wieder vorurteilsfrei und zuvorkommend zu behandeln. Sie werden uns wichtig sein, weil sie Jesus wichtig sind. Die Hoffnung wird uns motivieren, nicht beim Starren auf die verpassten Chancen stehen zu bleiben, sondern die Chancen vor uns wahrzunehmen, in ihnen Jesu Spuren zu entdecken, denen wir folgen sollen.

Beim Warten ist nicht nur die richtige Kleidung als Erkennungszeichen unseres himmlischen Arbeitgebers wichtig wie ein Fischaufkleber auf dem Auto, sondern die ganze Haltung, die wir zum Ausdruck bringen. Wir werben in der Wartezeit für Jesus nicht nur mit dem Arbeitskittel, sondern mit unserem Lebensstil.

Der Mann, den ich letzte Woche am Straßenrand traf, blieb ganz still und erwartungsvoll an Ort und Stelle stehen. Und Stunden später, als ich die Stelle wieder passierte, war er weg, wahrscheinlich längst schon abgeholt. Hätte er aber immer noch dort gestanden, wäre mir das komisch vorgekommen. Hatte er in der Zwischenzeit nichts zu tun? Konnte er die Wartezeit nicht sinnvoll überbrücken? Gab es keine anderen Baustellen, zu denen er zwischenzeitlich gerufen wurde? So kommt es mir in den Sinn, dass unsere Aufgabe nach fast 2000 Jahren Warten auf Jesus nicht lauten kann, einfach am Straßenrand auszuharren, uns Plakate mit „"Glaube, Liebe, Hoffnung" vor die Brust zu halten und darauf zu vertrauen, dass die anderen schon merkten, dass es uns mit Jesus ernst war. Nein, für uns heißt es doch, die Wartezeit kreativ zu gestalten. Jesus wird uns finden, wenn er wiederkommt. Er wird uns da abholen, wo wir in seinem Namen Glaube, Liebe, Hoffnung verbreiten. Er wird uns dann bei der Hand nehmen, den gepackten Koffer, den wir für diesen Fall immer mit uns tragen, packen und uns zum Ziel führen. Bereit zu sein heißt nicht, untätig stehen zu bleiben, sondern damit zu rechnen, dass Jesus uns da abholt, wo wir uns für ihn gerade investieren.

1.Thessalonicher 5,14-19

Wir bitten euch weiter, liebe Brüder und Schwestern: Weist die zurecht, die ein ungeregeltes Leben führen. Ermutigt die Ängstlichen. Helft den Schwachen und habt Geduld mit allen. Achtet darauf, dass niemand von euch Böses mit Bösem heimzahlt. Bemüht euch vielmehr stets, das Gute zu tun, im Umgang miteinander und mit allen Menschen. 
Freut euch immerzu! Lasst nicht nach im Beten! Dankt Gott in jeder Lebenslage! Das will Gott von euch als Menschen, die mit Jesus Christus verbunden sind.
Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes. 

Angesprochen werden von Paulus nicht die Einzelnen in ihren Blaukitteln, sondern die Gemeinde Jesu. Jeder Einzelne steht für alle anderen ein. Ob beim Fußballspiel oder bei der Turnerriege, bei Skandalen oder Doping-Verdacht, immer wird vom Einzelnen auf die Mannschaft geschlossen. Immer beeinflusst der Einzelne die anderen. Egal ob wir zum "harten Kern" der Gemeinde gehören oder uns eher ins Umfeld einreihen, wir werden von außen als Gemeinschaft wahrgenommen und Jesus zählt uns dazu. Wer zu Jesus Ja sagt, gehört zu seiner Gemeinde und trägt seine Kleidung. Umso wichtiger ist es zu wissen, wie er oder sie sich in dieser Kleidung zu bewegen hat. Darauf weist Paulus hin und gibt konkrete Hilfestellung, um die Wartezeit in Jesu Namen zu gestalten.

Die Anweisungen des Paulus gelten wahrscheinlich eher unterschiedlichen Gemeindegruppen als Einzelnen:
Ein ungeregeltes Leben führten die, die am Bürgersteig Party feierten, dabei keine Rücksicht auf die anderen Verkehrsteilnehmer nahmen und die Ankunft Jesu vor lauter Sich-Selbst-Feiern aus dem Blick verloren. Übertragen wir es auf uns heute, bedeutet es, ein Leben zu führen, das keine Konstanz, keine Verlässlichkeit und wenig Bereitschaft erkennen lässt, die Wartezeit so zu gestalten, dass die Umgebung Jesu Liebe und Zuwendung erfährt.

Die Ängstlichen waren die, die sich am liebsten hinter dem nächsten Busch versteckten, während sie auf Jesus warteten. Sie hatten Angst, noch kurz vor dem Ziel vom Bösen weggeschnappt zu werden und verpassten die Chance, andere zu Jesus einzuladen. Wer sind bei uns solche Ängstlichen, die es zu ermutigen gilt? Sind es die, die vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, lieber gar nichts tun? Die ihren Glauben bei ihren Freunden nicht bekennen, weil sie sich fürchten, von ihnen abgelehnt zu werden? Die Angst haben, zu ProChrist einzuladen, weil die Freunde ProChrist doof finden könnten?

Eine andere Gruppierung in der Gemeinde stand wohl in Gefahr, andere niederzutrampeln und ihnen die Luft zum Atmen zu nehmen. Sie wollten die anderen mitreißen, sie ganz schnell in Jesu Arbeitskleidung stecken. Aber ihre Gegenüber waren noch nicht so weit. Der Glaube war ihnen nur übergestülpt, bei erstbester Gelegenheit warfen sie ihn ab wie einen nassen Regenponcho. Ihnen gab Paulus mit, Geduld zu haben, den Glauben wachsen zu lassen und Gott zuzutrauen, dass er das Wachstum schenken würde. Ich ertappe mich selbst in dieser Gruppe leicht. Ich wünsche mir auch, dass meine Bekannte schnell zum Glauben kommt. So viele Monate bete ich nun schon darum. Könnte es nicht etwas schneller gehen? Sie ist doch schon so kurz davor. Aber Paulus Anweisung mahnt mich, nichts zu überstürzen und damit alles kaputt zu machen. Sie wird zum Glauben kommen, wenn sie Ja sagt und Jesu Hand nach ihr greift, nicht wenn ich es will.

Eine andere Anweisung trifft vielleicht eher Einzelne, die buchstäblich mit dem Feuer spielen. Sie loten die Grenzen aus. Sie entfernen sich maximal von der Hauptstraße, um auszuprobieren, wie weit Jesu Suchradar reicht. Sie verlieren das Warten aus dem Blick, beschäftigen sich mit Themen, die Jesus nicht gefallen, und warten darauf, dass Jesus sie zurückholt. Doch das Spiel mit dem Feuer ist gefährlich. Irgendwann wird aus Spiel Ernst, das Feuer gewinnt Eigendynamik und verbrennt. Die außereheliche Beziehung wird zum Bumerang, die Schulden werden zur Schlinge, die den Hals abdreht, die Sucht wird zum Bestimmer des Lebens, der die Zügel fest in der Hand hält. Wird Jesus daraus retten, wenn er wiederkommt?

Die Anweisungen an die verschiedenen Gemeindegruppierungen waren damals recht konkret. Wenn wir sie übersetzen, werden sie auch für uns konkret. Es ist Sache des Heiligen Geistes, uns aufzuzeigen, wo wir unser Leben ändern müssen. Ob es dran wäre, die Party am Straßenrand zu beenden und Verantwortung in unserer Gemeinde und Umgebung zu übernehmen, Ob es dran wäre, mit Mut auf andere zuzugehen, um sie für Jesus einzuladen, ob wir mehr Geduld mit unseren Mitmenschen brauchen oder unsere Feuerspielchen aufgeben sollten. Doch wie spricht der Heilige Geist zu uns, den wir nicht unterdrücken sollen? Wie merken wir, dass es Gott selbst ist, der uns wieder in die Warteposition zurückbringt und den Bereitschaftskoffer fest in die Hand drückt?

Drei Stichworte nennt der Apostel: Freude, Gebet und Dank.

Das Gebet ist die Quelle für das Wirken des Heiligen Geistes. Ein Beispiel für dieses Gebet gab uns Mose. Er zog sich während der Wüstenwanderung des Volkes Israel ins Zelt der Begegnung zurück, um dort mit Gott zu reden. Er wurde von Gott während dieser Begegnung so berührt, dass sein Gesicht anschließend glänzte. Jede und jeder konnte ihm ansehen, dass er Gott begegnet war. Er bekam in diesem Zelt konkrete Weisungen und Antworten. Und alles kam darauf an, dass er die Weisungen ausführte. Gottes Antworten sind keine Werbezettel, die man nach Belieben ins Altpapier schmeißen kann, sondern drängen nach Umsetzung.

Sehnen wir uns nach einem solchen Reden Gottes, hilft es, ein "Zelt der Begegnung" Zeltaufzubauen und es regelmäßig aufzusuchen. Es kann ein besonderer Ort sein, eine besondere Zeit am Tag, die nur für die Begegnung mit Gott reserviert ist, oder ein besonderer Mensch, der uns Gottes Gegenwart veranschaulicht und übersetzt.

Dieses Gebet ist sogleich Ablade- und Aufladeplatz. Als wir mit einem Camper auf verschiedenen Campingplätzen unterwegs waren, schätzten wir die besonders luxuriösen, die eine solche Ablade- und Auffüllstation boten. Man konnte an einer Stelle den Abwassertank leeren und gleich daneben wieder Frischwasser tanken. Das Gebet ist nichts anderes als eine solche Luxusstation zum Abladen und Auftanken. Hier werden wir innerlich rein und neu mit Glaube, Liebe und Hoffnung gefüllt. Hier bekommen wir die Kraft, weiter mitten im Alltag die Kleider Jesu zu tragen und bereit zu sein für sein Abholen. Hier geschieht der wichtigste Schritt in unserer Beziehung zu Jesus, wir lernen auf ihn zu vertrauen, seine Weisungen zu erkennen und danach zu handeln.

Aus der Erfahrung des Gebets wächst Freude, "die von innen kommt". Diese Freude ist schwer mit Worten zu beschreiben. Sie lässt das Herz fliegen und gibt das Gefühl, ganz nah mit dem Herrn verbunden zu sein. Mose erlebte diese Freude in der Wüste, wenn er mit seinem Stock auf einen Stein schlug und Wasser hervorsprudelte. Er erlebte die Freude in vielen kleinen Wegzeichen am Rande, weil er immer sicherer wusste, dass Gott ihn und das Volk führte. Die Freude ist Zeichen für Jesu Gegenwart und sein Mitgehen. Sie ist deshalb oft so tief, weil äußerlich alles dagegen spricht. Sie ist Vorfreude auf die Zeit, in der wir nicht mehr am Wegrand warten müssen, sondern ganz bei Jesus sind. Sie ist heute schon Vorfreude auf das große Fest, das uns in Ewigkeit erwartet.

Die Freude führt zum Dank. Mose errichtete Gedenksteine und Altäre, um sich an Gottes Taten auf dem Weg zu erinnern. Ohne Wegzeichen der Erinnerung verschwimmt die Freude leicht zu einem diffusen Gefühl und gerät in Vergessenheit. Doch die Gedenkzeichen lassen innehalten, dass Jesus uns in ganz bestimmten Situationen nahe war und es auch wieder sein wird. So wächst das Vertrauen, dass er uns im Gewühl unseres Lebens finden wird, erkennen wird, dass wir bereit für ihn sind, und uns mitnimmt in sein Reich.

Paulus warb dafür, am Straßenrand auf Jesus zu warten, der gewiss kommen wird. Viel Zeit ist ins Land gegangen. Wir stehen in Gefahr, das Warten aufzugeben, den Arbeitskittel Jesu auszuziehen, zu vergessen, für wen wir eigentlich dasein wollten. Stattdessen verstricken wir uns in unseren Alltag und merken nicht, wie uns das große Ziel abhanden kommt. Das Gebet im "Zelt der Begegnung" lässt uns neue Bereitschaft zum Warten tanken, es lässt uns neue Freude an Gottes Zeichen erleben und Dankbarkeit für das, was er für uns getan hat. Es liegt an uns, dieses Zelt der Begegnung neu aufzubauen oder aufzusuchen und Jesus darin zu begegnen. So werden wir mit neuer Freude mitten im Alltag Jesus erwarten und bereit sein, wenn er uns in sein Reich ruft.

Cornelia Trick


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