Vertrauen in Gottes Zusagen (Jesaja 55,6-11)
Gottesdienst am 03.02.2013

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
der englische Maler James Thornbill malte Anfang des 18. Jahrhunderts das Deckengemälde der großen Kuppel der St.Pauls-Cathedral in London. Als er nach vielen Monaten Arbeit einen Abschnitt des Gemäldes beendet hatte, trat er ein paar Schritte auf seinem Gerüst zurück, um sein Werk im Abstand zu betrachten. Ohne dass er es merkte, näherte er sich bedrohlich dem Ende des Gerüsts, nur ein halber Schritt trennte ihn vom Abgrund. Wie ich las, sah ihn ein Gehilfe des Malers und zog einen dicken Strich quer über das soeben beendete Gemälde. Thornbill schrie auf und warf sich nach vorn, um den Gehilfen von noch mehr Zerstörung abzuhalten. Der Strich, der das Kunstwerk zerstörte, rettete dem Maler das Leben. Er fragte wohl hinterher den Gehilfen, warum der nicht einfach laut gerufen hatte. Der Gehilfe aber fürchtete, der Maler wäre vor Schreck den halben Schritt rückwärts gewichen und vom Gerüst gefallen.

Das Geschehen in der Kuppel der Kathedrale kann ein Bild für Gottes Umgang mit uns sein. Sein Ziel für uns ist gelingendes Leben und Rettung zu einem unbeschwerten Leben an Gottes Hand. Doch so leicht geraten wir an Gerüstkanten, Abstürze drohen überall. Da werden uns manchmal Striche durch unsere Kunstwerke und Rechnungen gemacht, die nicht unseren Untergang bedeuten, sondern im Gegenteil das Leben retten.

So ist es auch dem Volk Israel gegangen. Als Jerusalem von den Babyloniern zerstört wurde und viele in die babylonische Gefangenschaft geführt wurden, ist den Plänen des Volkes buchstäblich ein Strich durch die Rechnung gemacht worden. Nicht mit ihren eigenen Mitteln konnten sie ihre Souveränität verteidigen und sich der Feinde entledigen. Die Frage war in diesen Jahren laut, warum Gott ihnen nicht geholfen hatte und sie nun fern von Gottes Stadt im Exil leben mussten.

Der Prophet Jesaja gibt ihnen Lebenshilfe. Er stärkt ihr Vertrauen in Gottes Zusagen und bekräftigt, dass Gott das Heil für sein Volk will, nicht dessen Absturz.

Jesaja 55,6-11

Sucht den HERRN, jetzt ist er zu finden! Ruft ihn, jetzt ist er nahe! Wer seine eigenen Wege gegangen ist und sich gegen den HERRN aufgelehnt hat, der lasse von seinen bösen Gedanken und kehre um zum HERRN, damit er ihm vergibt! Denn unser Gott ist reich an Güte und Erbarmen. »Meine Gedanken – sagt der HERR – sind nicht zu messen an euren Gedanken und meine Möglichkeiten nicht an euren Möglichkeiten. So hoch der Himmel über der Erde ist, so weit reichen meine Gedanken hinaus über alles, was ihr euch ausdenkt, und so weit übertreffen meine Möglichkeiten alles, was ihr für möglich haltet. Wenn Regen oder Schnee vom Himmel fällt, kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas bewirkt: Er durchfeuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, sodass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte. Genauso ist es mit dem Wort, das ich spreche: Es kehrt nicht unverrichteter Dinge zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und führt aus, was ich ihm auftrage.«

Drei Schritte lässt uns der Abschnitt aus dem Jesajabuch gehen:

  • Wir haben unseren Standort zu klären und uns auf Gottes Eingreifen vorzubereiten.
  • Gottes Wege stimmen nicht selbstverständlich mit unseren Vorstellungen überein.
  • Gottes Gedanken wollen mit unseren zusammenkommen.


Standortbestimmung

Jesaja lässt keinen Zweifel daran, es geht um Jetzt, nicht um Vergangenheit oder Zukunft. Wer sein Leben mit Gott auf die Reihe bringen will, ist jetzt dran und sollte hier und heute beginnen. Dieser Termin wird nicht von uns festgelegt, sondern ist von Gott so bestimmt. Wenn er „Jetzt“ sagt, gibt es für uns kein Ausweichen. Er will sich jetzt mit seinen Menschen verbinden. Weil er jetzt da ist, wird Suchen und Rufen Erfolg haben.

Wer Gott sucht, macht sich auf ihm entgegen. Das ist eine Alltagsweisheit. Sitze ich gerade noch gemütlich beim Frühstück, fällt mir plötzlich ein, dass ich dringend meinen verlegten Hausschlüssel finden muss. Ich springe auf, das Frühstück ist sofort vergessen. Ich durchkrame alle Taschen und sehe auf allen Ablageflächen nach, bis ich den Schlüssel glücklicherweise irgendwann gefunden haben werde. Wenn ich mich auf die Suche nach Gott mache, ist er mein Ziel, alles andere tritt zurück.

Bei dieser Suche werde ich mir bewusst, was mich alles von Gott trennt. Verzweiflung, dass Gott auch nicht mehr helfen kann. Selbstüberschätzung, als wüsste ich alles besser und käme allein zurecht. Festhalten an Schuld und Verletzung, die ich Gott nicht überlassen will.

Gott zu suchen, erfordert eine Entscheidung, ihm auch Einfluss geben zu wollen, ihm meinen Weg anzubefehlen und ihn um Wegmarkierungen zu bitten, die ich mir nicht selbst geben kann.

In einer Geschichte von Rabbi Jitzak heißt es, dass ein Mann einen Fluss überqueren will. Wegen seines schweren Gepäcks sinkt er in den Schlick ein und kommt nicht voran. Er bekommt den guten Rat, das Gepäck abzuwerfen. Als er das tat, konnte er leichtfüßig ans andere Ufer waten. 

Wir müssen täglich Ballast abwerfen, um Gott finden zu können. Dies kann im Zwiegespräch mit Jesus Christus,  in einem Hauskreis oder in einer vertrauten Freundschaft geschehen. Frei von Ballast werden wir erleben, wie Gottes Güte und Erbarmen unser Herz erreichen können und uns einhüllen, wo vorher ein dicker Packen Unerledigtes drückte.

Gottes Wege

Es könnte so einfach sein. Wir kommen mit leeren Händen zu Gott, und er gibt uns, was wir für ein auf ihn hin ausgerichtetes Leben brauchen. Der Dieb wird sozusagen freigesprochen und erhält einen dicken Sack Geld, um nicht mehr stehlen zu müssen. Er lebt glücklich und zufrieden bis in Ewigkeit.

Unsere Vorstellungen von gelingendem Leben, so sagt es das prophetische Wort, sind nicht Gottes Gedanken. Wir haben mit dem Lineal gezogene gerade Wege ohne Umwege vor Augen, Gottes Wege ziehen oft Schleifen wie die Flüsse, die wir aus der Vogelperspektive sehen.

Gottes Gedanken hat er uns einmalig in seinem Sohn Jesus offengelegt. Es sind Gedanken des Friedens und des Heils. Jesus legt sie uns aus in seinen Ich-Bin-Worten, die im Johannes-Evangelium gesammelt sind. Mit diesen Worten bekommen wir einen Blick in den Himmel und können erfassen, wie Gott sich unser Leben vorstellt.

Jesus sagt, er ist das Brot. Grundnahrungsmittel will er für uns, dass es uns an nichts mangelt, ist seine Zusage. Jesus ist Hirte. Er will uns Schutz und Geborgenheit, aber auch Wegweisung schenken. Jesus ist Licht. In dunklen Lebensphasen gibt er uns Hoffnung und Ausblick. Sein Licht kann nicht verlöschen, wie abgrundtief unsere Probleme auch sind. Jesus ist Weinstock. Er gibt uns die Kraft zu einem sinnvollen und engagierten Leben für andere. Jesus ist Weg, mit ihm halten wir die Richtung auf Gott bei. Und schließlich eröffnet Jesus Zukunft, wenn er von sich sagt, dass er die Auferstehung und das Leben ist. Mit ihm werden auch wir auferstehen in ein Leben mit Gott in Ewigkeit.
Gott antwortet uns mit Jesus auf unsere Lebensfragen. Ohne ihn haben wir keine Zukunft, keine Nahrung, keinen Schutz, leben in Dunkelheit, kraftlos und verirrt. Der Tod ist das Aus. Mit ihm wird unser Leben gelingen und zum Ziel kommen.

Diese Zusagen Jesu können wir uns nicht selbst sagen. Wir enden immer bei unseren eigenen Grenzen, den Negativbeispielen, der Resignation „es geht ja doch nicht“, der Warum-Frage „warum immer ich?“ Unsere Gedanken legen Gott fest. Er soll so agieren, wie wir es uns wünschen oder für gut halten. Das sind nicht Gottes Gedanken. Er lockt uns heraus aus unseren Gedankengebäuden. Er führt uns in eine Freiheit, die meistens anders ist, als wir es uns vorstellen, aber überraschend ist und mit ihm verbindet.

Gottes Gedanken und unsere Wege

Ein Bild soll deutlich machen, wie Gottes Gedanken mit unseren zusammenkommen. Regen und Schnee fällt vom Himmel auf die Erde. So fallen Gottes Gedanken auf die Erde. Sein Erbarmen mit seinen Menschen hat Schwerkraft und fällt auf sie. Gott lässt sich auf die Erde fallen. Das haben wir eindrücklich zu Weihnachten buchstabiert. Gott kam als hilfloses Baby in einer Krippe auf die Erde. Er ließ sich in der Menschen Hände fallen.

Er wurde selbst Mensch und wohnte unter uns. Die Erde nimmt das Wasser auf, das gesäte Korn entwickelt sich zur Ähre, die Ähre ist Grundstoff des Brotes, das satt macht.

Jetzt fällt Gottes Wort auf die Erde. Sind wir bereit, es aufzunehmen? Oder sind wir zugepflastert, und das Wort fließt weiter zu denen, die es mit Freude und Offenheit hören wollen? Nein, wir sind nicht zugepflastert, sonst würden wir gar nicht die Möglichkeit zulassen, jetzt von ihm berührt zu werden.

Wer wie die Erde Gottes Wort aufnimmt, wird verändert. Jesus Licht sein zu lassen, bedeutet für manche von uns, ihm  zuzutrauen, dass er bei den Problemen rund um Arbeit und Ausbildung Klarheit schaffen wird. Wer jetzt in einer Entscheidungssituation steht, wird bewusst nach Zeichen von ihm Ausschau halten, um die Entscheidung von seinen Gedanken abhängig zu machen. Wer in ungeklärten persönlichen Beziehungen lebt, wird bei ihm Geborgenheit finden und erleben, dass sich der gute Hirte sehr praktisch um ihn sorgt.

Um Gottes Wort aufnehmen zu können, brauchen wir einander. Es ist hilfreich, unsere perfekten Masken abzulegen und einander anzuvertrauen, wo wir Gottes Gedanken so nötig für unseren Weg brauchen. Wir können uns in der Fürbitte unterstützen, wir können uns helfen, das Erkannte umzusetzen. Wir können erleben, dass wir alle auf Gottes Weisungen angewiesen sind und gemeinsam viel besser auf ihn hören können. Der Regen tut und bewirkt etwas, auch in unserem Leben und unserer Gemeinde: wir nach Wachstumsprozessen Brot in der Hand haben, das wir weitergeben können und das andere einlädt, sich auf Gottes Gedanken einzulassen.

Jesaja gibt uns in den nächsten zwei Versen noch einen Ausblick. Gottes Gedanken wirken Frieden. Das Volk, dem ein so dicker Strich durch die Rechnung gemacht wurde, wird wieder in die Freiheit geführt. Nicht zu Altbekanntem, sondern zu Neuem werden sie aufbrechen. Was vorher wie Dornen war, wird sich nun in Zypressen verwandeln und Brennesseln werden zu Myrthen. Der Friede wird umfassend sein. 

Dieses Ziel steht noch aus. Gott wird es wirken, wenn seine Zeit gekommen ist. Er wird gerühmt von den Erlösten und durch sein Wort Geretteten. Die durchkreuzten Pläne, unter denen die Israeliten damals zur Zeit des Exils und wir heute leiden, werden sich spätestens dann als Segenswege erweisen.

Cornelia Trick


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