Osterüberraschungen (Johannes 20,11-31)
Gottesdienst am 8.4.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
am Mittwoch kam jemand in die Kirche, der über Ostern verreist war. Er hatte gehört, wie toll die Kirche zu Ostern geschmückt und dekoriert war, und wollte das nun mit eigenen Augen sehen. Nur leider war die Dekoration schon längst in den Schränken verstaut und die Pflanzen auf verschiedenen Fensterbrettern verteilt. Die nächsten Aktivitäten standen bevor, für die die Kirche hergerichtet werden musste. Der Besucher trat traurig seinen Heimweg an, nun war er schon über Ostern nicht dagewesen und konnte noch nicht einmal Ostern sozusagen von hinten betrachten.

Vielleicht ist es anderen auch so gegangen, sie suchten etwas Österliches in ihrem eigenen Leben, wollten in der Osterwoche ganz besonders wachsam für Jesu Auferstehungs-Spuren im eigenen Leben sein. Heute stellen sie fest, da war nichts, nichts Besonderes, nichts besonders Österliches, keine krasse Jesus-Begegnung.

Um auf die Osterspur zu kommen, hilft es, die biblischen Zeugnisse der Osterwoche zu betrachten. Mag sein, dass es nicht mein Betrachten bleibt, sondern dass wir mithilfe dieser Brille auch unsere kleinen Erfahrungen im Osterlicht sehen können.

Johannes 20,11-18
Maria blieb draußen vor dem Grab stehen und weinte. Mit Tränen in den Augen beugte sie sich vor und schaute in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel. Sie trugen leuchtend weiße Gewänder und saßen dort, wo der Leichnam von Jesus gelegen hatte. Einer saß am Kopfende, der andere am Fußende. Die Engel fragten Maria: »Frau, warum weinst du?« Maria antwortete: »Sie haben meinen Herrn fortgebracht. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!« Nach diesen Worten drehte sie sich um und sah Jesus dastehen. Sie wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus fragte sie: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du?« Maria dachte: Er ist der Gärtner. Darum sagte sie zu ihm: »Herr, wenn du ihn fortgeschafft hast, dann sage mir, wo du ihn hingelegt hast. Ich will ihn zurückholen!« Jesus sagte zu ihr: »Maria!« Sie wandte sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: »Lehrer!« Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen. Aber geh zu meinen Brüdern und richte ihnen von mir aus: ›Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.‹« Maria aus Magdala ging zu den Jüngern. Sie verkündete ihnen: »Ich habe den Herrn gesehen!« Und sie erzählte, was er zu ihr gesagt hatte.

Maria Magdalena
Die Osterwoche beginnt am Ostermorgen und mit der Entdeckung des leeren Grabes. Der Scheinwerfer des Johannes-Evangeliums ist auf Maria Magdalena gerichtet. Sie ist die ganze Zeit mit Jesus mitgelaufen und hatte eine besondere Beziehung zu Jesus, vielleicht deshalb, weil er sie gesund gemacht hatte. Maria Magdalena sieht das leere Grab ohne ihren Jesus und weint. Sie sieht beim Umdrehen eine Gestalt durch ihren Tränenschleier und hört seine Stimme: „Wen suchst du?“ und im zweiten Gesprächsgang: „Maria“. Da erkennt sie den Auferstandenen. Jesus kennt sie beim Namen, er hat ihren Namen im Herzen, zu ihm gehört sie. Diese Erkenntnis verwandelt sie. Nicht mehr trauernd und weinend bleibt sie für sich, sondern rennt zu den Jüngern und sagt ihnen weiter, dass Jesus lebt. Aus einer Trauernden wird eine Evangelistin.

Johannes 20,19-20
Es war schon spätabends an diesem ersten Wochentag nach dem Sabbat. Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Jünger waren voll Freude, weil sie den Herrn sahen.

Die Jünger
Die Jünger waren am Abend des Ostertages beieinander hinter verschlossenen Türen. Am Karfreitag waren sie auseinandergelaufen, aber das Zeugnis von Maria hatte sie wieder zusammen gebracht. Doch die Angst ließ sie die Türen fest verriegeln. Die Furcht, selbst verfolgt und umgebracht zu werden, war stärker als das Vertrauen zu Gott.

Jesus durchbricht ihre Schutzmauern der Angst. Er kommt mitten hinein in ihre Schicksalsgemeinschaft. Er ist stärker als Türen, Mauern und Schlösser und vor allem stärker als das Böse vor der Tür. Er knüpft an seine letzten Gespräche mit den Jüngern am Vorabend des Karfreitags an und erinnert sie an den Frieden, den er geben wird. „In der Welt habt ihr Angst“, so sagte er es damals. „In der Welt“, also so, wie die Jünger sich gerade hinter der Tür verschanzt hatten. Aber Jesus hat mit Ostern die Welt überwunden, hat die Feinde vor der Tür, aber auch die Ängste im Herzen, sogar den Tod als letzten Feind entmachtet.

Die Jünger spüren, wie die Angst von ihren abfällt. Jesus lebt und holt sie heraus aus der verschlossenen Wohnung, um sie in eine neue Zukunft zu führen. 

Auch wir sind heute hier zusammengekommen wie die Jünger damals. Unseren Alltag bringen wir alle mit, unsere Sorgen, unsere Trauer, unsere Schmerzen, unsere ungelösten Probleme. Vielleicht macht uns das Leben Angst, und wir schließen unsere Türen sorgfältig, dass niemand unsere Ängste sehen kann, auch Gott nicht. Doch Jesus kann durch Mauern gehen. Er kommt hinein auch in den letzten Winkel unserer Herzen, den wir so geheim halten. Er sagt uns gerade für diese Themen, die da unter Verschluss sind, seinen Frieden zu, der stärker ist als unsere Ängste und Mauern.

Die Jünger freuten sind, so könnte auch unsere Reaktion sein, wenn wir Jesus hier mitten unter uns willkommen heißen. Freude im Gottesdienst trägt uns in den Alltag und gibt uns Kraft, all die Themen anzupacken, vor denen wir am liebsten weglaufen würden.

Johannes 20,24-29
Thomas, der auch Didymus genannt wird, gehörte zum Kreis der Zwölf.
Er war jedoch nicht dabei gewesen, als Jesus gekommen war. Die anderen Jünger berichteten ihm: »Wir haben den Herrn gesehen!« Er erwiderte: »Erst will ich selbst die Löcher von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst glaube ich nicht!« Acht Tage später waren die Jünger wieder beieinander. Diesmal war Thomas mit dabei. Wieder waren die Türen verschlossen. Da kam Jesus noch einmal zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« Dann sagte er zu Thomas: »Nimm deinen Finger und untersuche meine Hände. Strecke deine Hand aus und lege sie in die Wunde an meiner Seite. Du sollst nicht länger ungläubig sein, sondern zum Glauben kommen!« Thomas antwortete ihm: »Mein Herr und mein Gott!« Da sagte Jesus zu ihm: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«

Thomas
Eine Woche später war wieder Gottesdienst, also so wie heute. Thomas fehlte am Ostertag. Er hatte zwar von der krassen Begegnung und dem ersten Gottesdienst der Jünger mit dem Auferstandenen gehört, aber er zweifelte. Mit Jesus war er nach Jerusalem gezogen, um mit ihm dort zu sterben, so hatte er es erwartet. Zwar hatte ihn kurz vorher der Mut verlassen, und er ist mit den anderen Jüngern weggelaufen, aber dass Jesus tot war, daran bestand für ihn wohl kein Zweifel. Was sollten die Erzählungen der Jünger? Er konnte nicht glauben, dass Jesus lebte. 

Wir erleben  nun sozusagen einen Privatgottesdienst Jesu mit. Jesus wendet sich dem einen Zweifler zu, geht dem einen nach, gibt Einzelunterricht im Gottesdienst. Er spricht Thomas direkt an, bevor er seine offenen Fragen selbst formulieren kann. Wir entdecken dabei das „Wenn-dann“-Dilemma. Wenn ich Jesus fühlen kann, dann glaube ich. Wenn ich Jesus sehen kann, dann glaube ich. Wenn Jesus dies oder das in meinem Leben tut, dann bin ich von Jesus überzeugt.

Wenn-dann-Bedingungen sind in Glaubensfragen so häufig. Wer von uns hätte nicht mal so einen Satz selbst formuliert. Diese Sätze lassen sich grob in zwei Abteilungen aufteilen:  echt und unecht.

Unecht ist es, wenn auf eine erfüllte Wenn-dann Bedingung gleich eine neue folgt. Ich bin zum Beispiel mit meinem Arbeitsplatz unzufrieden. Wenn ich nur einen neuen Job hätte, dann könnte ich daran glauben, dass Gott es gut mit mir meint, Jesus für mich lebendig da ist. Aber wenn sich dann wirklich ein neuer Job anbietet und ich ihn annehme, fällt mir gleich wieder eine neue Bedingung ein, die erst eintreten müsste um glauben zu können.

Echte Wenn-dann Sätze sind die, die ein echtes Ringen um den Glauben wiederspiegeln, eine Sehnsucht, dass Jesus durch die Mauern der Angst hindurchdringt. Wer solch einen Satz formuliert, sucht nach Möglichkeiten, Jesus zu begegnen, fragt andere, wie es bei ihnen war, ist auf der Suche.

Jesus lässt sich auf Thomas echtes Ringen und seine Bedingungen ein. Er begegnet auch dem einen im Gottesdienst, der zweifelt und sucht. Er kanzelt Thomas nicht ab, sondern lädt ihn ein, ihn zu berühren. Doch das ist nicht mehr nötig, Thomas glaubt, die persönliche Zuwendung hat ihm gereicht.

Wir als Gemeinde finden uns eine Woche nach Ostern mit den Jüngern zusammen im Gottesdienst vor. Nicht alle von uns sind auf dem gleichen Glaubensstand, Zweifler sind auf jeden Fall erwünscht. Wir können hier nur Zeugnis unseres Glaubens geben, unsere Erfahrungen, wie Jesus uns letzte Woche begegnet ist, weitersagen. Wir können Raum dafür schaffen, dass Jesus hier ist und die anspricht, die ihn suchen. Wir können hier eine Atmosphäre schaffen, in der wir uns öffnen können, auch für die offenen Fragen und mit den ungelösten Glaubensproblemen. So machen wir es Jesus leichter, von ihm getroffen und berührt zu werden.

Johannes 20,29
Da sagte Jesus zu Johannes: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«

Wir
Der Schlusspunkt ist ein Doppelpunkt. Die Gemeinde nach Ostern wird glückselig genannt, weil die Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesus vertrauen, obwohl sie ihn nicht mehr leibhaftig sehen. Sie haben nur das Zeugnis der Bibel und von Weggefährten Jesu, die Erfahrungen mit dem Auferstandenen gemacht haben. Sie hören auf die Erlebnisse, die in der Gemeinde weitergegeben werden und machen selbst Erfahrungen, wie Jesus in die Lebenswirklichkeit hineintritt – auch durch verschlossene Türen. 

Cornelia Trick


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