Neue Kleidung
Gottesdienst am 10.06.2007

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
eine Freundin von mir erzählte mir von ihren Haushalts-Spar-Maßnahmen. Sie versucht, möglichst viel Zeit im Haushalt durch geschicktes Management einzusparen, um diese Zeit für Aktivitäten zu haben, die ihr mehr am Herzen liegen. Eine Maßnahme finde ich besonders spannend. Sie bügelt Hemden und Blusen grundsätzlich nur an den sichtbaren Stellen. Trägt sie einen Blazer, werden die Ärmel der Bluse  nicht gebügelt. Bügeln; Bildquelle: pixelio.deTrägt ihr Mann im Winter einen Pullover über dem Hemd, bügelt sie nur den Kragen. So, sagt sie, spart sie eine Menge Zeit und Nerven, und schließlich kommt es doch nur darauf an, dass das Hemd für das Gegenüber gebügelt aussieht. 

Sind wir Leute, die auf ihre Oberfläche Wert legen, die durch und durch gebügelt aussehen wollen, aber oft die Ärmel beim Bügeln auslassen? Wie sieht es in unseren Schubladen aus? Sind sie so ordentlich wie die sichtbaren Orte der Wohnung, oder sammelt sich der Müll in ihnen, der die ordentliche Oberfläche stören würde? 

Wie sieht es in unserem Herzen aus? Lassen wir uns von Grund auf durch den Heiligen Geist verändern, oder ist die Veränderung mehr oberflächlich, an den nicht sichtbaren Stellen bleiben wir zerknittert und vermüllt?

Paulus schrieb den Kolossern einen Mutmachbrief. Er kannte die Gemeinde nicht persönlich, aber sie stand auf seiner Gebetsliste. Er wollte den Leuten dort offenbar einen Anstoß geben, das neue Leben, das Jesus ihnen geschenkt hatte, auch bis ins Innerste ihres Lebens wirken zu lassen. Er wollte sie von der Sparvariante des geistlichen Lebens weglocken, als ob es beim Christsein nur auf das ankommt, was man sieht. Er wollte sie einladen, sich so verändern zu lassen, wie Jesus Christus es für sie vorgesehen hatte.

Kolosser 3,12-15

Ihr seid von Gott erwählt, der euch liebt und zu seinem heiligen Volk gemacht hat. Darum zieht nun wie eine neue Bekleidung alles an, was den neuen Menschen ausmacht: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Milde, Geduld. Ertragt einander! Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat, sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat. Und über das alles darüber zieht die Liebe an, die alles andere in sich umfasst. Sie ist das Band, das euch zu vollkommener Einheit zusammenschließt. Der Frieden, den Christus schenkt, soll euer ganzes Denken und Tun bestimmen. In diesen Frieden hat Gott euch alle miteinander gerufen, denn ihr seid ja durch Christus ein Leib. Dankt Gott dafür! 

Gott hat die Menschen, die er zu seinem Volk dazu genommen hat, neu angekleidet. Durch diese neue Kleidung wird klar, zu wem diese Menschen nun gehören. Die neuen Kleider erinnern mich an die Einkleidung von Diakonissen. Sie ziehen ihre Diakonissentracht an in dem Bewusstsein, dass ihr neues Kleid auch ein neues Eigentumsverhältnis ausdrückt. Sie wollen von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden als Frauen, die sich nicht selbst gehören, die nicht in eigenem Auftrag unterwegs sind und ihre selbst gewählten Ziele verfolgen. Sie wollen für alle sichtbar für den Herrn dasein und in seinem Auftrag leben. Wer eine Diakonisse sieht, soll wissen, hier ist eine Frau, die mich mit den Augen Jesu sehen will, die mir nachgehen will wie Jesus als der gute Hirte. 

Paulus beschreibt die neuen Kleidungsstücke, die uns der Heilige Geist anzieht.

  • Herzliches Erbarmen: Mit dem Herzen bei denen zu sein, die unter die Räuber gefallen sind, die sich selbst nicht helfen können oder in eine Sackgasse geraten sind, ist mehr, als ihnen einfach nur zu helfen. Es bedeutet, diesen Menschen aktiv nachzugehen, ihr Leid zu meinem Leid werden zu lassen und mich auf den Boden zu knien, um mit den Gestrauchelten in Augenhöhe zu sein. Was herzliches Erbarmen genau ist, hat Gott uns mit Jesus Christus gezeigt. Gott ist ein Baby geworden und ist am Kreuz für uns gestorben, um mit uns auf Augenhöhe zu kommen und uns herauszuziehen aus dem Elend und der Not unseres Lebens.
  • Freundlichkeit: Vor Augen sehe ich die Szene an einem Mittag, als Jesus sich zur Mittagspause zurückgezogen hatte. Doch die Leute ließen ihn auch während der Mittagspause nicht in Ruhe, sie stürmten seinen Rastplatz, allen voran Mütter mit ihren kleinen Kindern, die sie zu Jesus bringen wollten. Jesus reagierte nicht "typisch deutsch". Er sagte nicht: von 13 bis 15 Uhr ist die Mittagspause strikt einzuhalten. Er wies seine Jünger zurecht, die seine Pause verteidigen wollten und ließ die Kinder zu sich kommen, um sie zu segnen. Diese Freundlichkeit hatte Ausstrahlungskraft, vielleicht mehr noch als manche Wunder, die während den öffentlichen Versammlungen passierten. Diese Freundlichkeit zu leben, steckt nicht automatisch in uns. Und wer von Natur aus so freundlich ist, der kommt irgendwann auch an seine Leistungsgrenzen, wenn er keine Pause mehr einhalten kann vor lauter Freundlichkeit. Jesu Freundlichkeit ist anders, sie sieht die Bedürfnisse und schöpft aus der Quelle von Gottes Kraft. Wenn wir als Christen mit dieser Freundlichkeit ausgestattet werden, dann entwickeln wir kein Helfersyndrom, das in den Burnout führt, sondern bekommen Augen für die wahren Bedürfnisse und Kraft, um auf sie einzugehen und Gottes Freundlichkeit weiterzugeben.
  • Bescheidenheit: Ich erinnere mich an das letzte Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte. Er wusch den Jüngern die Füße. Der Chef putzte sozusagen die Toiletten, um den Jüngern den Lehrstoff beizubringen. Wer mit Gottes Geist lebt, braucht nicht über andere zu herrschen und sich über die niederen Dienste erhaben zu fühlen. Sondern er kann sich anderen großzügig zuwenden, seinen Chefsessel ruhig auch verlassen. Er kann seine eigene Position annehmen und wissen, er ist wie jeder und jede andere auch auf Gottes Gnade angewiesen.
  • Milde: Die Milde steht im Kontrast zu Zorn und Wut. Nicht zerstörend soll unser Umgang, auch unsere Kritik aneinander sein, sondern auferbauend, ermutigend, einen Weg in die Zukunft aufzeigend. Milde ist wie ein sanfter Landregen, der das Feld wässert im Gegensatz zu einem heftigen Hagelschauer, der die Ernte zerstört. Jesus brachte seine Kritik oft in Einzelgesprächen mit den Jüngern vor. Er stellte sie nicht öffentlich und im Zorn bloß, sondern veränderte ihren Blick durch das Gespräch hinter den Kulissen.
  • Geduld: Dieses Kleidungsstück ist vielleicht das Schwerste von allen. Wir stehen manchmal in der Gefahr, es am Garderobenhaken hängen zu lassen, weil es so schwer ist. Nicht ohne Grund erzählte Jesus das Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat. Der Bauer tat nichts anderes als zu warten, bis die Saat aufgegangen war. Lebenslang haben wir Zeit, uns an dieses Kleidungsstück anzupassen. Denn nichts ist schwerer, als Entwicklungen abzuwarten, dabei nur beten zu können und zu vertrauen, dass der Herr Wachstum schenken wird.
Neue Kleidung bewirkt, dass sich Menschen der Kleidung anpassen, in die Kleidung nach und nach hineinwachsen. Eine Diakonisse wird die Auswirkungen des Heiligen Geistes nicht in dem Moment hundertprozentig weitergeben können, in dem sie ihre neue Tracht anzieht. Es wird ein langer Prozess sein, die Folgen von Jesu Ruf in das tägliche Leben umzusetzen. Auch in Kolosäa ist nicht gleich alles eitel Sonnenschein gewesen. Paulus schrieb den Kolossern, sie sollten sich ertragen, sie sollten die ungebügelten Hemden der anderen ihnen nicht nachtragen, sie sollten vergeben, weil sie selbst von der Vergebung Jesu lebten. Diese Aussagen deuten darauf hin, dass es in Kolossäa jede Menge ungebügelter Wäsche unter den neuen Kleidern gab. Paulus lag daran, auch diese ungebügelten Hemden von den neuen Kleidern beeinflussen zu lassen. Sie sollten nicht einfach hingenommen werden, sondern verändert werden durch Christus, der vergibt und neue Anfänge schenkt. Und wo diese Veränderung auf sich warten ließ, hieß es zu ertragen und Geduld zu üben.

Ein Buch, das ich in den letzten Wochen las, hat mich sehr stark daran erinnert, dass allein die neuen Kleider noch nicht den Unterschied machen. Dass es nötig ist, von innen heraus ganz neu zu werden, endlich anzufangen, auch die Dinge, die nicht offen zur Schau gestellt werden, von Jesus ordnen und verändern zu lassen. In ihrem Buch "Über den Neid hinauswachsen" beschreibt Beate M. Weingardt die Ursachen des Neides und ihre Auswirkungen. Klar wird, wer sich den eigenen Neidgefühlen nicht stellt, wer den Neid in sich verschließt wie ein ungebügeltes Hemd, wird nicht von innen heraus die Liebe Gottes weitergeben können. Die neuen Kleider des Christseins werden immer nur wie drübergehängt erscheinen.

Der Neid ist ein urmenschliches Gefühl und uns schon in die Wiege gelegt. Niemand ist frei davon, ist der Neid doch die Kehrseite des Sich-Vergleichens mit anderen. Dabei unterscheidet die Autorin zwei Formen des Neides, die ungiftige und die giftige. Die ungiftige Form zeigt sich, wenn wir feststellen, ein anderer hat etwas, das wir nicht haben, aber wir gönnen es ihm von Herzen ohne das Gefühl, es auch haben zu müssen. Wir können offen darüber kommunizieren, was uns beim anderen besser gefällt, ohne im anderen den Eindruck zu erwecken: Hier ist jemand, der mich beneidet und vor dem ich mich in Acht nehmen muss.

Die giftige Form des Neides tarnt sich gut. Wer will schon offen zugeben, dass er oder sie neidisch ist. So zeigt sie sich in schlechtem Reden über den andern, man weißt es weit von sich, das Beneidete selbst zu wollen, man freut sich, wenn der andere Schiffbruch erleidet, man streicht seine eigenen Vorzüge deutlicher heraus und wertet die des anderen ab, man schweigt das Beneidete tot oder geht auf Abstand zur beneideten Person. Giftigen Neid gesteht sich niemand gerne freiwillig ein. Er widerspricht unserem perfekten Selbstportrait eines Christen mit fünf Kleidern des Heiligen Geistes, wir wollen nicht wirklich neidisch sein und nehmen den Neid an uns selbst selten wahr. Doch der Neid gärt unter der Oberfläche und zerstört alle Beziehungen. Zum anderen empfinden wir kein herzliches Erbarmen, keine Freundlichkeit, Bescheidenheit, Milde oder Geduld. Wir müssen ständig heucheln, um unsere Neidgefühle zu tarnen. Das wird so anstrengend, dass wir uns mehr und mehr zurückziehen werden. Wir können uns bald selbst nicht mehr in die Augen schauen. Wo die Liebe Jesu aus uns leuchten sollte, spüren wir giftige Gefühle in uns wallen. Wo wir Vergebung Jesu bräuchten, lassen wir Jesus mit diesem Angebot stehen, weil wir ja nicht neidisch sein wollen. Um Jesus, der uns tagtäglich mit seinem Angebot konfrontiert, machen wir einen Bogen. Vor allem ist die Beziehung zu Gott gestört. Wir sollten Jesus vertrauen, stattdessen misstrauen wir ihm, weil er ja offensichtlich den Beneideten bevorzugt. Gott wird für uns zur Quelle des Ärgers über die Ungerechtigkeit der Welt, und statt über uns nachzudenken und an uns zu arbeiten, schieben wir unseren Frust auf Gott.

Paulus ermutigt uns, dieses zerknitterte Neid-Hemd bügeln zu lassen und den Neid zu überwinden. Sein Heiliger Geist will uns nicht einfach Jacketts überhängen, die äußerlich für den neuen Menschen sorgen. Er will uns ganz tief innen heilen. Er sagt uns zu, dass wir von ihm geliebt sind, dass er sich nach uns sehnt und dass uns nichts fehlt, um in seinen Augen der Mensch zu sein, mit dem er seine Welt bauen will. Wir können seinem Blick auf unser Innerstes standhalten. Er sieht unsere Unzufriedenheit, unsere Leere und unsere Sehnsucht nach Anerkennung. Aber diesen Mangel wird kein neues Haus, Auto, kein neuer Lebenspartner und kein dickes Bankkonto füllen. Diese Leere kann nur seine Liebe füllen, das Band, mit dem er uns mit sich für immer verbinden will. Werden wir uns dieser neuen Annahme durch Jesus bewusst, können wir das Glück in unserem Leben wieder neu spüren, es kommt von Gott und seinem Blick auf uns. Wir werden uns für den anderen engagieren, statt immer neidvoll auf ihn zu starren. So werden wir auch Verantwortung für ihn übernehmen und feststellen: Er mag ein neues Auto haben, aber deshalb ist er nicht frei von Sorgen. Auch der ursprünglich Beneidete braucht eine Schulter zum Weinen und tatkräftige Hände, um sich helfen zu lassen. Wer Jesus bis in die Tiefe Zutritt gewährt, wird weniger neidanfällig werden. Die Prioritäten werden sich verschieben, was wirklich erstrebenswert ist.

Paulus nennt den Idealzustand einer Gemeinde Friede. Es ist der Friede, der entsteht, wenn wir uns von innen heraus verändern lassen und die Gaben des Heiligen Geistes nicht nur über unser altes Ich drüberziehen. Es kostet Mut, Jesus bis in die verborgenen Winkel des Herzens hineinzulassen. Aber es lohnt sich. Wir sparen die Kraft des Vertuschens unserer Neidgefühle und können die Kraft investieren, um miteinander unseren Auftrag zu leben, das Evangelium in die Welt zu tragen.

Johannes 10,10

Jesus sagt:  Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben zu geben, Leben im Überfluß.
Cornelia Trick


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