Lasst euch umwandeln!
Gottesdienst am 10.01.2010

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ein Bauer trägt einen Sack voll Weizen nach Hause. Er freut sich über das gute Korn, das er geerntet hat. Da begegnet ihm Gott und fordert ihn auf: „Schenk mir deinen Weizen!“ Der Bauer öffnet seinen Sack und sucht das kleinste Korn. Esel transportiert WeizensäckeDas gibt er Gott. Gott nimmt es dankend an, verwandelt es in Gold und gibt es dem Bauer zurück. Natürlich ärgert sich der Bauer, dass er Gott nicht den ganzen Sack gegeben hat. Dann wäre er ein reicher Mann geworden.

Die Beispielgeschichte aus Indien deckt sich mit meiner Lebenserfahrung. Gott möchte ich mein ganzes Leben zur Verfügung stellen, doch kommt es dazu, dass Gott mich um meinen Einsatz bittet, gebe ich ihm nur einen kleinen oder auch größeren Teil von mir. Ich lade Gott in mein Lebenshaus ein, aber nur ins Wohnzimmer. Der Keller und der Dachboden gehen ihn nichts an. Die Lebenserfahrung deckt sich nicht mit Gottes Willen und Verheißung. Er beansprucht das ganze Leben und Lebenshaus. Er will ganz bei uns wohnen, uns ganz verändern.

Wie in unserer methodistischen Tradition von unserem Kirchengründer John Wesley angeregt, feiern wir auch dieses Mal zum Jahresanfang den Bundeserneuerungsgottesdienst. Wir vergegenwärtigen uns, was uns mit Gott verbindet, welchen Stellenwert er in unserem Leben hat und wie es im neuen Jahr weitergehen soll. Dabei leitet uns ein Abschnitt aus Römer 12,1-2 an. Er steht an der Schaltstelle zwischen 11 Kapiteln Zusage, was Gott für uns durch Jesus Christus getan hat, und den Konsequenzen, die das für uns hat.

Die Zusage Gottes kommt beispielsweise im 6. Kapitel deutlich zu Wort, wo die Taufe als entscheidender Neubeginn der Beziehung Gottes zum Menschen festgehalten ist. Wer getauft wird, wird in Jesu Tod getaucht. Dadurch tritt Jesus an die Stelle des Getauften und schließt einen Bund mit ihm. Er nimmt die Sünden ab und lässt den Getauften oder die Getaufte an seinem neuen Leben teilhaben. Das neue Leben, durch Jesu Tod ermöglicht, ist nicht mit dem alten Leben vor der Taufe vergleichbar, sondern ist ein Leben in Dankbarkeit. Dieses Leben ist gekennzeichnet von einem Ende der Sorge und Angst, von der Gewissheit, von Gott geliebt zu sein und von Freude über Gottes Gegenwart an jedem Tag.

Paulus zieht nun den logischen Schluss: „Das hat Gott für dich getan. Nimm es an, lass es geschehen. Das Rettungsboot hat angelegt, um dich zum neuen Ufer zu bringen. Aber einsteigen musst du schon selbst.“

Römer 12,1-2

Brüder und Schwestern, weil Gott soviel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst. Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig und vollkommen ist. 

Paulus redet die Römer und heute uns sehr direkt an. „Ich bitte und ermahne euch!“ Es ist offenbar eine ernste Angelegenheit, mit Gott im Bunde zu sein und keine nur äußerliche Angelegenheit. Paulus warnt vor einer Scheinehe mit Gott, die zwar äußerlich stimmt, aber ohne Substanz und Tragkraft ist. Niemand ist mit einer solchen Gottesbeziehung geholfen. 

Die Bitte und Ermahnung richtet sich an Brüder und Schwestern. Erstens, alle sitzen im gleichen Boot, also ermahnt sich auch Paulus selbst, dem Bund gemäß zu leben. Zweitens, alle stammen von einem ab. Gott ist der Vater und sein Sohn Jesus verbindet die Glaubenden zu ihm und untereinander. Drittens wird so auch deutlich, wie es gelingen kann, der Bitte nachzukommen, eben durch die Abstammung von Gott und die Familienzugehörigkeit.

Paulus beginnt seine Bitte mit einer Erinnerung an Gottes Erbarmen. Alles, was Gott will, dient zum Besten. Jede Herausforderung wird in seinen Händen zu Gold wie beim Bauern mit dem Sack Weizen. Ermahnt zu werden bedeutet nichts anderes, als daran erinnert zu werden, dass wir es von Gott aus können und er uns ermutigt für einen nächsten Entwicklungsschritt.

Ein lebendiges Opfer sollen wir bringen. Im Römerbrief wird vorher das lebendige Opfer Christus genannt, das ein für allemal genügt. Wer das Alte Testament kennt, wird an 3.Mose 16 erinnert. Am großen Versöhnungstag, dem in Israel noch heute gefeierten Jom-Kippur-Tag, wird einem Bock alle Sünde des Volkes aufgelegt, und er wird anschließend als Sündenbock in die Wüste geschickt. Jesus ist dieser Sündenbock geworden. Seitdem ist nicht mehr jedes Jahr ein neuer Bock nötig, sondern die Sünde ist von Jesus als Stellvertreter Gottes vergeben worden. Gott hat sich in seinem Sohn selbst zum Sündenbock gemacht, um seinen geliebten Menschen den Weg zu seinem Herzen freizuräumen. Wir wiederholen also nicht Jesu Opfer. Wir sollen uns selbst als „lebendige“ Opfer zur Verfügung stellen, nicht als gestorbene Brandopfer. Opfer nimmt einen neuen Sinn an. Wir gehören nun dem, der uns von der Sünde freigekauft hat. Doch weil wir nun nicht länger Sklaven sind, sondern Freie, können wir uns auch gegen Gott entscheiden, die Freiheit nach unserem Gutdünken gestalten. Deshalb spricht Paulus hier von Opfer. Wir werden eingeladen, die neue Freiheit dafür zu nutzen, uns mit Haut und Haaren Gott anzuvertrauen. Das ist folgerichtig und vernunftgemäß.

Ein bisschen sehen wir das bei den Heilungen Jesu. Die Geheilten fragten Jesus, ob sie bei ihm bleiben konnten. Sie wollten nichts anderes mehr, als ihrem Wohltäter für immer nahe zu sein. (Lukas 8,38 und öfter)

Dagegen ist ein unvernünftiger Gottesdienst in Johannes 5 beschrieben. Ein Mann wird nach 38-jähriger Krankheit geheilt. Doch statt bei Jesus zu bleiben, verrät er seinen Wohltäter bei erstbester Gelegenheit und bringt dadurch dessen Todesurteil ins Rollen. Oder, wie es ein Schweizer Pfarrer ausdrückte, der Bauer im Schweizer Hinterland mit einer Gratis-Bier-Mentalität. Er nimmt gerne das Freibier entgegen, taucht aber regelmäßig ab, wenn es an ihm ist, eine Runde auszugeben. Eine Gratis-Bier-Mentalität auf Gott bezogen sieht so aus, dass wir Gottes Freiheit selbstverständlich in Anspruch nehmen ohne Folgen.

Ein neuer Äon ist angebrochen. Wie die Rabbinen die Zeitenwende mit dem Erscheinen des Messias verbanden, so ist für Christen mit Jesus die Zeitenwende bereits gekommen. Wer sich von Jesus rufen lässt, hat das Festland verlassen und ist ins Boot eingestiegen, um der neuen Zeit entgegenzufahren. Doch das Boot ist trotz Zeitenwende noch am Festland vertäut. Es hat noch nicht abgelegt.

So entstehen zwei Versuchungen.
Die Gefahr der falschen Kontaktaufnahme. Das Festland, das doch eigentlich zurück gelassen wurde, hört nicht auf zu locken. Die Werbeblöcke laufen. Die Glocken der alten Heimat klingen lauter als das neue Lied. Klar, dass wir immer wieder das Boot verlassen werden, um aufs Festland zurück zu gehen, aber eben nur als Gäste, als Ehemalige, die nun wissen, dass sie eine neue Heimat haben. Wir betreten das Festland und nehmen manches kritisch wahr, was uns früher selbstverständlich erschien. Wir spüren Defizite, Unfrieden und Disharmonie. Deshalb sollten wir den Verlockungen des Werbeblocks nicht auf den Leim gehen und unser neues Reiseziel aufgeben. Die Heimat liegt vor uns, nicht hinter uns.

Die Gefahr der falschen Distanz ist ebenso präsent. Wir fühlen uns so wohl unter den Bootsleuten, dass wir keinen Gedanken mehr an die alte Heimat verschwenden. Schon vor der Zeit nehmen wir die Reise in Angriff und machen die Leinen los um zu starten. Es ist uns egal, dass da Leute auf dem Festland voller Sehnsucht unserem Boot hinterher schauen. Wir finden, sie haben selbst Schuld, dass sie zu spät gekommen sind. Klar, hier wird eine schwarz-weiß-Alternative umrissen. Aber verhalten wir uns nicht so sehr oft? Als ob die Kirche eine Arche Noah wäre, die fest verschlossen ist, so dass niemand mehr hereinkommt. Nein, noch liegt unser Boot am Ufer, noch ist Rettungszeit Gottes. Noch ist es unsere Aufgabe, den Kontakt zu den Menschen der alten Heimat nicht abreißen zu lassen und sie zu locken, das Boot zu betreten. 

Deshalb nennt Paulus uns hier den dritten Weg: „Lasst euch umwandeln!“
Die Aufforderung ist so formuliert, dass sie sowohl aktivisch als auch passivisch zu verstehen ist. Die Umwandlung ist nur durch den Heiligen Geist möglich, aber zur Verfügung stellen muss ich mich selbst, was ein sehr aktives Geschehen ist. Ich denke da an den Änderungsschneider im Ort. Er macht mir die Hosen kürzer, aber ich muss sie ihm bringen. Der Heilige Geist verwandelt mich, aber er wartet, bis ich Ja dazu sage. Die Umwandlung beginnt im Denken, nicht im Tun. Zwar wird der christliche Glaube oft so verstanden, als würde er sich durch das Tun der Liebe beschreiben lassen, aber das kann leicht in einem frommen Aktivismus enden. Im Bild vom Boot gesprochen: Man rennt kreuz und quer übers Festland und verteilt Freifahrtscheine fürs Boot. Nein, wir sollen nicht kreuz und quer rennen, sondern unser Denken umwandeln lassen. Und das äußert sich so, dass ich nicht mehr denke: Was will ich, was bringt mir das, sondern dass ich denke: Was will Gott, was ist mein Lebensauftrag, wo will er mich heute haben?

Wenn wir von uns aus diese Fragen beantworten wollen, kommt ein christlicher Krampf heraus. Wenn wir durch den Heiligen Geist umgewandelt werden, ist es uns Herzensangelegenheit, diese Fragen zu stellen und zu beantworten. Wir bekommen eine neue Denkrichtung, die wie von selbst ins Handeln übergeht. Wenn ich also feststelle, dass mir die Liebe zu anderen fehlt, dann werde ich nicht meine Liebesanstrengungen verdoppeln, sondern Gott bitten, dass er mich durch seinen Geist umwandelt. Dass ich die richtigen Fragen stelle und die richtigen Antworten finde. Dass mir das Lieben so leicht von der Hand geht, weil ich lieben kann von innen heraus.

Das meint Bundeserneuerung: Was Gott mit mir begonnen hat, als ich zum Glauben kam, als ich getauft wurde, als ich mich verbindlich in die Gemeinde aufnehmen ließ, dass will ich wieder neu festmachen. Er soll an erster Stelle stehen. Ich möchte nicht nur ein Korn aus meinem Sack Weizen Gott in die Hände legen, sondern mein ganzes Leben. Ich will mich von ihm umwandeln lassen, dass ich mit Rettersinn die alte Heimat aufsuche und mich freue, eine neue Heimat gefunden zu haben. Ich habe Sehnsucht, immer mehr von Gottes Geist durchdrungen zu werden, um frei zu werden, für ihn zu leben.
Denn was ich Jesus hingebe, das wird zu Gold, so sagt er es in Matthäus 13,44-46:

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und  verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Cornelia Trick


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