Kind Gottes - auf Probe
Gottesdienst am 10.02.2008

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
seit Weihnachten steht ein großes Glas mit Gummibärchen auf meinem Schreibtisch. Ein lieber Mensch hat es mir geschenkt, dazu noch einige Tüten Bärchen als Reserve, wenn das Glas leer wird. Der liebe Mensch wusste nicht, in welche Versuchung er mich führt. Sobald ich an diesem Schreibtisch sitze, wandert meine freie Hand in dieses Glas. Ich nehme mir gewöhnlich 6 Bärchen heraus, schließe das Glas wieder ordentlich, lege die Bärchen in eine schöne farbliche Reihenfolge und esse sie nacheinander auf. GummibärchenglasDoch kaum sind sie aufgegessen, wandert meine Hand wie ferngesteuert wieder zum Glas. Die nächste Fuhre wird entnommen, sortiert und aufgegessen. Bis die Vernunft irgendwann siegt oder die Arbeit mich zum PC-Schreibtisch treibt - weit weg vom Gummibärchenglas.

Gummibärchen sind für mein Leben keine wirkliche Bedrohung. Sie haben auch vergleichsweise wenig Nebenwirkungen. Aber sie sind ein gutes Beispiel, wie Verführung funktioniert. Sie sind auch ein gutes Beispiel dafür, wie die Verführung meinen rechten Arm (ich bin Linkshänderin) auf Dauer blockiert. Er ist nur damit beschäftigt, das Glas auf- und zuzuschrauben, Gummibärchen zu schaufeln und Reihenfolgen zu legen. Und sie sind exemplarisch für Situationen, in denen ich wie ferngesteuert funktioniere und wider besseres Wissen nicht aufhören kann.

Zu Beginn der Passionszeit steht dieses Thema im Mittelpunkt. Jesus ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören, so der Wortlaut des Wochenspruches. Der Teufel ist eng verwoben mit Versuchungen und Verführungen. Er gibt dem Menschen eine Schere in die Hand. Er redet dem Menschen ein: Wenn du die Verbindung zu Gott durchschneidest, dann bist du frei zu eigenen Entscheidungen. Doch schneidet der Mensch die Verbindung zu Gott durch, reißt auch die vertrauensvolle Verbindung zu anderen Menschen. Statt Freiheit droht Einsamkeit und Orientierungslosigkeit.

Der Brief des Jakobus will Lebenshilfe für Christen geben. Christen sollen ermutigt werden, dauerhaft bei Gott zu bleiben und in seinem Auftrag tätig zu sein. Sie werden immer wieder Verführungen erleben, doch Jakobus will ihnen helfen, mit ihrem Gottvertrauen durchzuhalten.

Jakobus 1,12-18

Freuen darf sich, wer auf die Probe gestellt wird und sie besteht; denn Gott wird ihm den Siegeskranz geben, das ewige Leben, das er allen versprochen hat, die ihn lieben. Wenn ein Mensch in Versuchung gerät, soll er nicht sagen: "Gott hat mich in Versuchung geführt." So wie Gott nicht zum Bösen verführt werden kann, so verführt er auch niemand dazu. Es ist die eigene Begehrlichkeit, die den Menschen ködert und einfängt. Wenn jemand ihr nachgibt, wird die Begehrlichkeit gleichsam schwanger und gebiert die Sünde. Und wenn die Sünde ausgewachsen ist, bringt sie den Tod hervor. Meine lieben Brüder und Schwestern, täuscht euch nicht! Lauter gute Gaben, nur vollkommene Gaben kommen von oben, von dem Schöpfer der Gestirne. Bei ihm gibt es kein Zu- und Abnehmen des Lichtes und keine Verfinsterung. Aus seinem freien Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit, durch die Gute Nachricht, ein neues Leben geschenkt. So sind wir gleichsam die Erstgeborenen seiner neuen Schöpfung. 

Wer versucht?

Ich stelle mir vor, wie Jakobus zu einem Gemeindeseminar eingeladen wird und nun über Versuchungen referiert. Er fragt die Teilnehmenden: "Wer versucht?" Bald bilden sich zwei Gruppen. Die einen vertreten die Auffassung, dass Versuchungen von Gott kommen. Der prüft seine Leute, ob sie wirklich zu ihm halten. Die andere Gruppe nennt den Teufel als Verursacher. Gott - so sagen sie - will niemand auf die Probe stellen. Da unterbricht Jakobus die rege Diskussion zwischen den beiden Lagern und fragt: "Seid ihr selbst auch beteiligt an den Versuchungen? Es scheint doch so, als wolltet ihr die Verantwortung komplett von euch wegschieben. Entweder Gott oder der Teufel schickt euch Versuchungen. Ihr könnt also gar nichts dafür, wenn eure Hände ständig in Gummibärchengläsern aller Art hängen. Ihr seid ja nur Handlanger und könnt euch rausreden, dass es nicht eure Schuld ist, in schwierige Situationen zu geraten und euch von Gott zu entfernen."

Jakobus setzt hier ein deutliches Stoppzeichen. Nicht die Spekulationen, wer das Böse in die Welt gebracht hat, helfen weiter, sondern die einfache Selbsterkenntnis: Ich bin gemeint. Versuchungen haben mit mir zu tun. Ich bin ihnen nicht hilflos ausgeliefert, sondern sie entstehen in mir. Der Teufel benutzt nur das, was schon in mir steckt. Und Gott lässt es geschehen. Warum? Darauf gibt es in der Bibel verschiedene Antworten. Alle Antworten beinhalten die Erkenntnis, dass Versuchungen wie Kreuzungen sind. An ihnen entscheidet sich der Mensch für oder gegen Gott. Insofern lässt Gott sie zu, weil er den freien Willen seiner Geschöpfe achtet.

Wie funktioniert Versuchung?

Aus der Bibel kennen wir mindestens zwei zentrale Versuchungsgeschichten. Adam und Eva wurden von der Schlange im Garten Eden versucht. Sie haben die falsche Entscheidung getroffen und sich gegen Gott gewandt. So haben sie sich selbst aus dem Paradies ausgeschlossen. Jesus wurde nach 40 Tagen Fasten und Gottesnähe in der Wüste versucht. Er entschied sich für Gott und gegen den Teufel. Seine Entscheidung ebnete uns den Weg zu den richtigen Entscheidungen, bei Gott zu bleiben. Diese Versuchungsgeschichten geben wichtige Hinweise, wie Versuchungen entstehen.

Grundlage, dass Versuchungen greifen können, ist eine tiefe Sehnsucht. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Liebe, nach Wertschätzung, vielleicht aber auch nach Rache oder der Hunger, mehr haben zu wollen. Um die Sehnsucht zu befriedigen, wird der kürzeste Weg gewählt. Steine in Brot zu verwandeln, wäre für Jesus der kürzeste Weg gewesen. Er hätte auch in den nächsten Ort gehen können, um sich dort Brot zu besorgen. Aber der Teufel wollte ihn bei seinem stärksten Bedürfnis packen und den direkten Weg schmackhaft machen. Wäre Jesus nicht hungrig gewesen, hätte der Teufel bei ihm keine Angriffsfläche gehabt. 

Unsere Sehnsüchte sind oft versteckt. Die Sehnsucht nach Liebe und Wertschätzung kann unterschwellig so übermächtig sein, dass sie kein Ehepartner zu stillen vermag. Da kann die Abkürzung durch einen neuen Partner sehr verlockend erscheinen. Die Sehnsucht nach einer sicheren Lebensgrundlage kann so stark sein, dass jemand wie ein Hamster die Besitztümer anhäuft. Nach außen sieht es so aus, als sei er einfach nur an Geld interessiert. Er ist der Versuchung erlegen, sein Grundbedürfnis nach Sicherheit mit Materiellem zu befriedigen, doch über die innere Sehnsucht tröstet kein Aktienpaket hinweg.

Zur Sehnsucht gesellt sich der Zweifel, wie ihn die Schlange im Paradies so unnachahmlich formuliert: "Sollte Gott gesagt haben ...?" Will Gott nicht, dass ich glücklich bin? Was sollte er gegen Abkürzungen haben? Sind nicht auch Gummibärchen im weitesten Sinne seine Schöpfung, die er mir anvertraut hat? Was kann an Gummibärchen Schlechtes sein? Ist es denn schlimm, wenn ich Samstagnacht mal durchfeiere und sonntags nicht in die Kirche gehe? Hat mir Gott nicht Freunde geschenkt zum Spaß Haben? 

Der Zweifel wird erstickt durch eine Täuschung. Die Schlange flüstert Eva ein, dass ihr beim Essen der verbotenen Frucht die Augen geöffnet werden und sie gut und böse wie Gott unterscheiden kann. Was wirklich geschah, wissen wir. Die beiden konnten zwar besser sehen, sie erkannten sich als nackte Wesen, doch statt gut und böse zu unterscheiden, haben sie sich von Gott getrennt und das Band zu ihm durchgeschnitten.

So ist es auch mit den Abkürzungen unseres Lebens. Sie versprechen mehr Liebe, doch endet es oft in erbittertem Streit und tiefer Einsamkeit. Sie gaukeln uns ewige Sicherheit vor, doch der nächste Börsencrash kann die ganzen finanziellen Ruhepolster abschmelzen. Sie machen uns vor, dass Gottesdienst-Schwänzen nichts Schlimmes ist. Aber sie verschweigen, dass das Band zu Gott brüchig wird und schließlich zerreißt, weil es meistens nicht bei einer Samstagnacht-Feier bleibt (siehe Gummibärchenglas).

Die letzte Station spielt sich in der Realität ab. Was vorher noch Gedankenspiel war, wird nun umgesetzt. Das Band zu Gott wird durchgeschnitten, die Adoptionsurkunde Gottes zerrissen. Kind Gottes, das war nur eine Episode auf dem Lebensweg, aber nichts für die Ewigkeit.

Wie können wir in Versuchungen bestehen?

Als Sie das Gummibärchenglas gesehen haben, stellten Sie vielleicht erleichtert fest, dass das nicht Ihr Problem ist. Zufrieden und gelassen konnten Sie sich zurück lehnen und über die nachdenken, die sich von solchem süßen Kram verführen lassen. So geht es mir mit Menschen, für die Schokolade, Zigaretten, Alkohol eine Versuchung darstellen. Ich fühle mich ihnen innerlich überlegen. Ihr Problem hat nichts mit mir zu tun.

Aber Jakobus lässt uns mit seinen Ausführungen nicht unbeteiligt gehen. Er konfrontiert uns mit dem wunden Punkt in uns, der Versuchungen erliegt, ganz gleich, auf welchem Gebiet wir uns verführen lassen. Wir tun gut daran, unserem ganz persönlichen Problem ins Gesicht zu sehen und zuzugeben, dass auch wir verführbar sind. Dass auch wir Dinge gerne tun, die wir lieber nicht tun sollten. Dass auch wir ganz genau wissen, welche Dinge wir lassen sollten und was uns von Gott wegbringen kann.

Wahrscheinlich sind es nicht Gummibärchen, aber Verhaltensweisen, die Gott nicht gefallen, weil er sie eigentlich verboten hat oder weil sie dem widersprechen, wie er sich unser Miteinander vorgestellt hat. In dem Moment, wo jemand sagt: "Ja, ich habe ein Problem, ich habe z.B. eine sehr scharfe Zunge und rede gerne selbstgerecht über andere Leute.", da kann sich etwas verändern. Da merkt der Jemand, dass er Hilfe braucht und kann sich ehrlich an Gott wenden und ihn um Hilfe bitten. Da wird die Vaterunser-Bitte "Und führe uns nicht in Versuchung" zu einem echten Hilferuf, um die Zunge zu bewahren und einen neuen Blick für die Mitmenschen zu bekommen.

Manche hat ihren wunden Punkt sehr deutlich erkannt. Sie geht davon aus, dass sich bei ihr nichts ändern wird. Einmal Versagerin, immer Versagerin. Doch das Starren auf die Misserfolge der Vergangenheit blockiert den Blick in die Zukunft. Wer ein Instrument spielt, kennt diese Situation. Bei Takt 35 ist man schon dreimal rausgeflogen. Vor lauter Angst, auch ein viertes Mal zu versagen, verkrampft man so, dass es bestimmt auch beim vierten und fünften Mal schief geht, der Fehler schließlich so tief sitzt, dass man die Stelle gar nicht mehr hinbekommt. Wer die Vergangenheit innerlich nicht als von Jesus vergeben und bereinigt abgeben kann, bleibt im Gebüsch des Gartens Eden versteckt. Er oder sie wird den Weg in die Zukunft nicht finden. Die Vergangenheit hat ihn oder sie fest im Griff.

Ein Pastor erzählte mal in der Predigt vor Jahren, dass er an jedem Kiosk ein Problem mit den Zeitschriften und den auf ihnen abgebildeten Schönheiten hätte. Er habe sich angewöhnt, beim Vorbeilaufen die Brille abzusetzen. Da er sehr kurzsichtig war, konnte er ohne Brille nichts mehr erkennen, was ihn auf Abwege gebracht hätte. Wir waren damals jugendlich und fanden seine Schilderungen sehr lustig. Aber heute verstehe ich diesen Pastor. Er wollte uns sagen: "Haltet euch fern von Situationen, die euch in Versuchung führen können." Also: Stell das Gummibärchenglas außer Reichweite. Wickele es in festes Papier, binde eine dicke Schnur drum rum. Stelle es auf den Schrank. Und wenn das alles noch nicht hilft, weil du auch das Versteck auf dem Schrank aufspüren wirst, dann verteile die Gummibärchen unters Volk oder schmeiße sie in den Müll. Um Versuchungen zu bestehen, müssen wir manchmal zu radikalen Methoden greifen und alles daran setzen, um uns von ihnen fernzuhalten. 

Versuchungen wachsen nach. Selbst wenn Adam und Eva den Baum im Garten Eden abgeholzt, ihn zu Kleinholz verarbeitet und verfeuert hätten, es wäre sicher ein Spross nachgewachsen. Deshalb gibt es kein Rezept, um sich vor Versuchungen und falschen Entscheidungen ein für allemal zu schützen. Aber es gibt einen, der mit uns gehen will, um uns in diesen Herausforderungen des Lebens zu begleiten und zu bewahren, Jesus Christus. Er hat die Versuchungen am eigenen Leib erfahren, ist vom Teufel beschwatzt worden, alles aufs Spiel zu setzen und der Verlockung nach Brot, Ehre und Macht nachzugeben. Aber er hat bestanden und ist bei Gott geblieben. Er hat zugesagt, für uns zu beten, dass wir an den Kreuzungen unseres Lebens nicht die falschen Entscheidungen treffen. Er hat versprochen, uns nicht loszulassen, auch wenn wir an einigen dieser Kreuzungen scheitern sollten. Bei ihm sind wir nicht mehr auf Probe, denn er hat sich für immer an uns gebunden. Allerdings können wir Jesus von uns stoßen, das lässt er zu. Doch wer will das wirklich, wenn er weiß, was auf dem Spiel steht? Wer will wirklich um den Lohn des Lebens gebracht werden und beim Himmlischen Festmahl vor der Tür bleiben?

"Freuen darf sich, wer auf die Probe gestellt wird und sie besteht; denn Gott wird ihm den Siegeskranz geben, das ewige Leben, das er allen versprochen hat, die ihn lieben."

Cornelia Trick


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