Grund zum Freuen (Philipper 4,4-7)
Gottesdienst am 22.12.2019 in Brombach

Liebe Gemeinde,
es war eine bunt gewürfelte Gruppe, mit der ich um den Tisch saß. Einige kannte ich, einige nur vom Sehen. Wir stellten uns vor, erzählten, was uns so gerade beschäftigte. Bald wurde aus meinen Äußerungen klar, dass ich mich sogar beruflich mit Gott beschäftige. Das weckte bei einigen Erinnerungen an frühere Zeiten ihres Lebens, auch an Enttäuschungen und offene Fragen. Einer brachte es dann auf den Punkt: „Warum, meinst du, ist es gut für uns, an Gott zu glauben? Und warum brauchen wir dafür die Kirche oder eine Gemeinde?“

Nicht nur diese Tisch-Runde beschäftigte sich mit diesen Fragen. Ich stelle sie mir ja auch selbst immer wieder und suche Antworten. Was Paulus den Philippern dazu zu sagen hat, finde ich sehr interessant. Die Gemeinde in Philippi war, so lässt es der Briefverkehr vermuten, seine Lieblingsgemeinde. Das Wort „Freude“ wird von Paulus darin sehr häufig verwendet. Er hatte offene Türen in Philippi erlebt, die Gemeinde unterstützte ihn auch aus der Ferne finanziell, sie begleitete ihn im Gebet auf seinen Missionsreisen und blieb mit ihm verbunden.

Am Ende des Briefes ermutigt Paulus die Gemeinde, mit Jesus weiter unterwegs zu bleiben, und gibt so auch Antwort auf die beiden Ausgangsfragen „Warum Glaube? Warum Gemeinde?“

Philipper 4,4-7
Freut euch immerzu, weil ihr zum Herrn gehört! Ich sage es noch einmal: Freut euch! Alle Menschen sollen merken, wie gütig ihr seid! Der Herr ist nahe! Macht euch keine Sorgen! Im Gegenteil! Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor – in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit. Und der Friede Gottes, der jede Vorstellung übertrifft, soll eure Herzen und Gedanken behüten. In der Gemeinschaft mit Jesus Christus soll er sie bewahren.

Warum Glaube?
Die Antwort ist in diesem Abschnitt etwas versteckt, wie eingewickelt in mehrere Lagen Geschenkpapier. Wickeln wir sie vorsichtig aus, kommen wir als erstes zu der Aussage „Der Herr ist nahe!“. Glaube hat offensichtlich die Ursache darin, dass Gott nahe ist.

Noch zwei Tage trennen uns von Weihnachten, dem Fest, das deutlich macht, wie Gott uns nahe ist. Er kommt zu uns als Kind, auf Augenhöhe, verletzlich, und gibt sich uns ganz und gar in die Hände. Er will nicht unsere Leistung, sondern wirbt um unsere Liebe. Er will uns nicht in seine Form pressen, sondern lockt uns mit Liebe in seine Richtung. Er ist nicht ein unnahbarer Gott, sondern umfängt uns auch durch das Weihnachtsfest mit seiner Wärme.

Gottes Nähe zu uns ist nicht auf das Weihnachtsfest beschränkt. Mit Jesus sind wir dauerhaft durch seinen heiligen Geist verbunden. Diese Funkverbindung steht. Es liegt nicht an ihm, dass wir ihn nicht immer spüren und erleben. Anders als die Mobilfunkversorgung in den Wäldern des Taunus gibt es bei ihm keine Funklöcher, sehr wohl aber von unserer Seite aus Kontaktprobleme. Wer kennt es aus dem Alltag nicht: Handy vergessen, Klingelton aus, Akku leer, und schon kommt keine Nachricht mehr an. So ist es mit dieser Funkverbindung zu Jesus. Um Jesus wahrzunehmen, sollte ich mich für ihn öffnen, meine Antennen ausfahren, bereit sein, dass er mir begegnet. 

Es gibt eine ganz einfache Methode, dies zu tun. Ich stehe morgens auf und lege mir einen roten Faden, einen kleinen pinken Notizzettel, ein Cent-Stück gut sichtbar an einen Ort, den ich während des Tages häufig aufsuche – das Auto, den Arbeitstisch, mein Handy, das Badezimmer, die linke Schublade meines Schreibtischs. Und jedes Mal, wenn ich den Gegenstand sehe, denke ich kurz an Jesus – hat er mir etwas gezeigt? Habe ich ihn gerade wahrgenommen? Will er mich kurz bremsen in dem, was ich gerade machen wollte? Am Ende des Tages sammle ich den Gegenstand wieder ein, er ist ziemlich sicher von Jesu Geist „aufgeladen“. Mit ihm verbinden sich Erfahrungen und Erlebnisse des Tages, wo Jesus mir wirklich nähergekommen ist, mal mehr, mal weniger. 

Doch nicht nur an jedem Tag und auch in der Nacht ist Jesus nahe und will uns näher kommen, wir erwarten ihn auch am Ende unserer Zeit und unserer Weltzeit als den, der dann mit Macht unser Leben und seine Welt zum Guten verändert und vollendet. Darauf lohnt es sich zuzugehen, jeden Tag ein Stück näher.

Warum macht es also Sinn zu glauben? Weil Jesus nahe ist und wir ihn erleben können. Er will mit uns gehen, wir können ihm vertrauen, denn er liebt uns und will unser Bestes. Am Ende unseres Lebens und unserer Welt wartet er auf uns, um das Zerbrochene zu heilen und die Bruchstücke zusammenzuführen.

Warum Gemeinde?
Auch wenn es unserer Zeit entgegen zu stehen scheint, wo wir den Einzelnen wichtiger nehmen als eine Gemeinschaft, hat sich Jesus an die Gemeinschaft gebunden. Er hat sich ganz persönlich und individuell Menschen zugewandt, aber sie eingeladen miteinander Gemeinde zu sein. Von dieser Gemeinschaft sagte er, dass er sich in ihr finden lässt. Wo zwei oder drei beieinander sind und ihn in ihre Mitte einladen, da ist er auch (Matthäus 18,20). Er kennt uns Menschen. Wir sind ja nicht gerade für das Alleinsein geschaffen. Vom ersten Tag unseres Lebens an sind wir angewiesen auf andere, Sprache macht nur Sinn, wenn wir ein Gegenüber haben, unsere Fertigkeiten sind auf Ergänzung angelegt, kaum einer kann alles allein machen und schaffen, was er zum Leben braucht. Nicht nur als Ergänzung und Hilfe brauchen wir einander, sondern auch, um uns selbst besser kennenzulernen, uns weiterzuentwickeln. 

In meiner eigenen Welt bin ich ein sehr freundlicher, zugewandter und hilfsbereiter Mensch. Doch immer wieder merke ich in der konkreten Begegnung mit anderen, wie viel Luft da noch nach oben ist. Wenn einer mir blöd kommt, kann ich ganz schön ärgerlich werden. Wenn ich gerade im Stress bin, vergesse ich auch schon mal meine Hilfsbereitschaft. Und jemand sagte mir mal, dass ich so kurz angebunden am Telefon wäre – nicht gerade ein Hinweis auf große Zugewandtheit. Ich brauche diese Korrekturen meiner Mitmenschen, um wachsen zu können. 

Ich brauche meine Geschwister in der Gemeinde auch, damit sich meine Erfahrungswelt mit Jesus erweitert. Mein eigenes Leben ist viel zu begrenzt, um Jesu Wirken in seiner ganzen Fülle wahrzunehmen. Schmeißen wir dagegen die Erfahrungen mit ihm von der vergangenen Woche zusammen, kommt ein viel größeres Spektrum der Liebe Gottes zum Ausdruck, wie wir nur mein Leben anschauen. Da hat jemand überraschend einen wichtigen Arzttermin vorzeitig bekommen, er dankt Gott dafür. Da ist ein versöhnendes Gespräch möglich gewesen, sie freut sich über Jesus, der offenbar dabei war. Da hat jemand sein Portemonnaie mit allen Karten und Papieren wiederbekommen, jemand hat es gefunden und ihm zurückgegeben, welch ein Geschenk von oben. Und so lässt sich die Reihe fortsetzen. Wenn ich nach diesem Austausch wieder in mein Leben zurückkehre, hat sich etwas verändert. Ich habe Vertrauen gewonnen, Freude, Zuversicht. Und bin dankbar, nicht nur für meine kleinen Erfahrungen, sondern für die, die wir als Gemeinde miteinander gemacht haben.

Dies hat Auswirkungen, die Paulus den Philippern vor Augen führt.

Freude
Die Freude ist nicht nur ein Gefühlsrausch, der schnell wieder von der Realität eingefangen wird. Sie ist Lebenshaltung. Gott will das Gute für mich. Er wird mich deshalb auch durch steinige Abschnitte führen. Es gibt Auswege, und Umwege führen auch zum Ziel. Die Freude ist Ausdruck von Erwartung. Was will mir Jesus noch zeigen? Wo wird er sich zeigen? Wohin wird er mich führen?

Güte
In der früheren Lutherübersetzung hieß es statt Güte „Lindigkeit“. Bei diesem Wort denkt man doch gleich an etwas Mildes, Sanftes, Elastisches. Mir kommt dabei ein Sprungtuch in den Sinn, das die Feuerwehr aufspannt, damit Leute ohne Gefahr aus einem brennenden Haus auf die Erde springen können. Das Sprungtuch gibt beim Aufprall nach, federt die Wucht ab, fängt auf. Das übertragen auf unsere Haltung, die aus der Freude entspringt, bedeutet, den anderen, die andere in ihrem Anderssein aufzufangen, abzufedern. Wir sind nicht alle gleich. Wir haben Ecken und Kanten. Wir könnten uns damit beim Zusammenstoß weh tun. Doch die Güte ist wie ein Sprungtuch, sie lässt uns gelassener, weitherziger, entspannter miteinander umgehen, immer wissend, dass wir alle von dieser Güte Jesu leben, mit der er uns auffängt.

Mit Güte begegnen wir nicht nur den Insidern der Gemeinde, sondern allen Menschen. Unser Ort ist genau bei denen mit Ecken und Kanten, die seelisch, materiell oder durch ihre Lebensgeschichte so kantig geworden sind. Auch hier wird wieder deutlich, wie wir dazu die Gemeinschaft brauchen. Wären wir doch allein mit manchen Ecken und Kanten ganz schön überfordert. Und kein Feuerwehrmann würde allein ein Sprungtuch halten können.

Dankbarkeit
Danken nimmt der Sorge den Stachel. Der Stachel kann sein: „Ich kann doch nichts machen. Ich fühle mich so ohnmächtig. Die Welle schlägt über mir zusammen. Ich bin immer das Opfer.“ Beim Danken bekomme ich Gott in den Blick, was er für mich ist und was er für mich tut. Ich lege Gott meine Stacheln und Sorgen aufs Herz wie ein Kind, das den Eltern die Probleme klagt und darauf vertraut, dass die sich darum kümmern werden.

Im Danken erinnere ich mich an Situationen, in denen mir Gott schon geholfen hat. Und auch hier ist der Pool der Erfahrungen in der Gemeinschaft größer als in meinem begrenzten Leben.

Friede Gottes
Der Friede, den Gott schenkt, bewahrt. Er ist wie der Anschnallgurt im Auto, der beim Aufprall festhält. Man kann sich auch selbst festhalten, nur würde man beim Aufprall reflexartig loslassen. Der Sicherheitsgurt beugt dem vor. Andere in der Gemeinde können mir zu einem Sicherheitsgurt werden. Sie halten mich, wenn sich in einer schweren Phase des Lebens zum Beispiel der Boden buchstäblich öffnet und ich zu fallen drohe. Sie halten mich durch Güte und Gebet. Andersherum kann ich für andere zum Sicherheitsgurt werden und sie in Gottes Frieden halten. 

Dieser Friede ist Geschenk und nicht rational zu erfassen. Es ist ein Lebensgefühl, geborgen in Gottes Liebe zu sein und seine Kraft zu spüren. Diese Kraft fließt, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint.
„Freut euch immerzu!“ Diese Freude ist nicht aufgesetzt oder antrainiert, sie kommt von innen Wir lassen zu, dass Jesus für uns sorgt, uns nahe ist und jeden Tag näher kommt.

Gemeinsam sind wir unterwegs und können unsere Erfahrungen mit Jesus teilen – nicht nur am 4.Advent und in der Weihnachtszeit.

Cornelia Trick


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